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Bernstein - Das Gold des Nordens

von Gabriela Stark

mit freundlicher Genehmigung des Mittelaltermagazins Miroque

 

Lange vor unserer Zeitrechnung, dem Bewusstsein der ersten Menschen und Millionen von Jahren nach den Dinosauriern, gab es eine Zeit genannt Eozän. In dem Zeitgefüge des Eozän unserer Erde liegt das Eozän 58 Millionen Jahre zurück.

Die Welt des Eozän war so, wie wir heute von Wissenschaftlern die schlimmste vorstellbare globale Klimaerwärmung präsentiert bekommen. Die Pole waren geschmolzen und eisfrei. Es gab in der Arktis Palmen, und im Meer schwammen suptropische Meeresalgen. Während es auf der einen Seite zu einem Massensterben von Lebewesen kam, gilt das Eozän als die Geburtsstätte der Säugetiere.

Die Entstehung des Bernsteins

In diesem Zeitgefüge entstanden riesige Waldflächen, die den gesamten nordeuropäischen Raum einnahmen. Es war trotz der Wärme ein Wald, der aus Kiefern bestand. Sie gehören zu den ältesten Bäumen dieser Erde, die direkt dem Zeitalter des Eozän entstammen. Hier fand die Entstehung des europäischen Bernsteins statt. Die Bäume sonderten eine Unmenge von Harz ab, in dem auch Pflanzen und Tiere eingeschlossen wurden. Als Inklusen (Einschlüsse) sind sie heute sehr begehrt.

Dieser Wald war durchzogen von Flüssen. Das Wasser bot dem Harz Schutz vor Zersetzung und gab ihm das durchscheinende Aussehen. Der nordeuropäische Bernsteinwald beherrschte die Zeit des Eozän über 10 Millionen von Jahren und aus ihm ging der baltische Bernstein hervor.

Aus diesem Bernsteinwald entstand noch ein anderes Produkt, das wir bis heute abbauen und zur Energiegewinnung benötigen: Braunkohle. Kurios ist die Geschichte der Braunkohlegewinnung bei Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Denn dort wurde jahrelang Braunkohle gefördert, bis man sehr große Mengen an Bernstein fand. Von 1975 - 1993 wurde der Braunkohleabbau komplett eingestellt und nur noch Bernstein abgebaut, und das in einer Größenordnung bis zu 50 Tonnen pro Jahr.

Bernstein ist der mythische und archaische Stein der Erdgeschichte und begleitet die Menschen von Anfang an. Er erzählt von Stein und Zeit, bot magischen Schutz vor allerlei Zauber und war ein ebenso beliebtes Tausch- und Zahlungsmittel. Bis in die heutige Zeit genießt er in der Steinheilkunde und der Homöopathie große Bedeutung.

Die Bernsteinstraße

Ihm haben wir eine der ältesten Handelsrouten unserer alten Welt zu verdanken - die Bernsteinstraße. Sie existierte bereits, lange bevor das Römische Reich anfing, die bekannte Welt zu erobern. Sie verband Nordeuropa mit dem Mittelmeerraum und dem angrenzenden Orient und ist über 4.000 km lang; wobei man sich unter der Bernsteinstraße keine einzige Straße vorstellen darf, sondern vielmehr ein verzweigtes Netz unterschiedlicher Straßen. Dieses Straßennetz reichte von der Nord- und Ostsee angrenzenden Ländern bis zum heutigen St. Petersburg in Russland. Vom Norden zog sich das Straßennetz über die Alpen nach Italien, Frankreich, Spanien, Griechenland und über das Mittelmeer bis nach Ägypen und in den Iran.

Bernstein gehörte schon immer zu den wichtigsten Handelsgütern der nordeuropäischen Völker. Seit der Jungsteinzeit sind Bernsteinfunde belegt, und in der Bronzezeit wurde baltischer Bernstein bis nach Italien transportiert. Die antiken Zentren Griechenlands und Rom sagten dem Bernstein eine göttliche Herkunft nach. Er war die zu Stein gewordenen Tränen der Götter.

Bernstein - das Elektron der Griechen

Die Griechen nannten ihn Elektron, denn durch Reibung (z.B. an der Kleidung) lässt sich der Bernstein elektrostatisch aufladen. Die Herkunftsländer des baltischen Bernstein nannten sie Elektriden. Jahrhunderte später beschäftigte sich William Gilbert, Leibarzt der Königin Elisabeth I., 1650 mit der elektrostatischen Aufladung des Bernsteins. Er nannte diese Kraft “vis electrica” und leitete damit die Lehre der Elektrizität ein. Aufgeladene größere Bernsteine ziehen Stofffasern, Wollfussel oder Papierschnitzel wie ein Magnet magisch an. Damit ließ sich problemlos die Echtheit feststellen, da er in den antiken Zeiten bereits gefälscht wurde.

Seine elektrostatische Aufladung nutzen heutzutage erfolgreich Hunde- und Katzenbesitzer. Die Bernsteine sind an der Innenseite des Halsbandes befestigt; durch das ständige Reiben beim Tragen lädt sich das Fell des Tieres elektrostatisch auf. Dies bewirkt, dass das Tier zeckenfrei bleibt.

Die Römer vermuteten richtig, dass die Tränen der Götter aus einem Baumharz entstanden. Sie nannten ihn succinum, das lateinische Wort für “Saft”. Succinit ist bis heute die Bezeichnung für den baltischen Bernstein. Im Römischen Reich war er wertvoller als Gold, und zu Plinius Zeiten gab es als Gegenwert für eine kleine Bernsteinfigur bereits einen Sklaven.

Die magische Wirkung von Bernstein

Der Bernstein gehörte zur Zeit der Wikinger zu den Exportschlagern, der in alle bekannten Winkel der damaligen Welt geliefert wurde. Die Wikinger schätzten ihn als leicht zu bearbeitendes Material, aus dem Alltagsgegenstände wie Spindeln, Spielbrettfiguren und Würfel für den Zeitvertreib, wertvolle Schmuckstücke und magische Amulette hergestellt wurden.

Ein ganz besonderes Schutzamulett stellte Thors Hammer dar, der zusätzlich mit Runen, Drachen oder magischen Mustern verziert wurde. Der Gott Thor hatte die Gewalt über Donner, Blitz und Sturm. Mit seinem Hammer trieb er die Donnerkeile zwischen die heraufbeschworenen Regenwolken, so dass Gewitter erst möglich wurden. Naturphänomene, wie schwere Unwetter oder See, Elmsfeuer und Nordlichter entstammten direkt den jeweils erzürnten Göttern. Bernstein bot hier magischen Schutz, da er aufgrund der elektrostatischen und magnetischen Eigenschaften gottgleiche Eigenschaften aufwies.

Den Wikingern stand er in so großen Mengen zur Verfügung, dass er einfach zum Anheizen und Betreiben der Herdfeuer verwendet wurde. Darauf bezieht sich sein Beiname “Brennstein”; dies kommt vom niederdeutschen Wort “börnen” für brennen. Bernstein ist nicht nur leicht entzündlich, er brennt sehr gut und sehr lange.

Der Goldrausch auf Bernstein

Einige Jahrhunderte nach der Herrschaft der Nordmänner begann der Goldrausch auf den Bernstein. Ausschlaggebend war der Deutsche Orden, der sich direkt auf den ersten Kreuzzug zurückverfolgen lässt. Die Ritter unterwarfen im Jahr 1283 die baltischen Völker an der Ostseeküste und gründeten das erste Bernsteinmonopol, das sogen. “Bernsteinregal”. Das Sammeln und der Besitz von Bernstein waren ab sofort unter Todesstrafe verboten. Das Bernsteinmonopol des Deutschen Ordens hielt bis 1525. In diesem Jahr wandelte der amtierende Hochmeister des Deutschen Ordens das komplette Gebiet in ein erbliches Fürstentum um. Es war die Geburtsstunde des Hauses Hohenzollern, das das Bernsteinmonopol übernahm.

Der Bernstein wurde zu Rosenkränzen weiterverarbeitet. Es entstand der Beruf des Paternostermachers oder Bernsteindrehers. Kurze Zeit nach Einführung des Bernsteinmonopols wurden Paternostermachergilden in verschiedenen Hansestädten gegründet. In den Hansestädten Lübeck und Danzig wurde ausschließlich der Bernstein des Deutschen Ordens verarbeitet.

Die mittelalterliche Heilkunde des Bernsteins

Aus der mittelalterlichen Heilkunde ist der Bernstein nicht wegzudenken. Ob er allerdings der Ligurius-Stein der Hildegard von Bingen darstellt, ist nicht geklärt. Denn unter dem Ligurius versteht man den Luchsstein. Man glaubte, der in der Sonne erstarrte Harn des Luches würde zu einem heilkräftigen Stein werden.

Parcelsus sagte über den Bernstein: “Aber in Wahrheit sage ich dir, dass kein höherer Grund in aller Medizin zu finden ist, als im Electrum verborgen steckt.” Bernstein wurde in Räucherungen gegen die Dämonen verwendet. So glaubte man, dass er die guten Geister magisch anziehe, das Böse abstreife und sich wie ein Schutzschild um den Träger hülle. Bernstein galt als ein probates Mittel, um sich von Astralwesen, die auch Krankheiten verursachen könnten, zu reinigen. Kranke und Besessene wurden daher von Kopf bis Fuß beräuchert und mit dem Rauch angeblasen.

Überliefert ist eine Räucherrezeptur von Paracelsus, die die Raumluft reinigt, Astralwesen vertreibt und Spukphänomene auflöst. Dazu werden folgende Zutaten pulverisiert: Schwefel, Weihrauch, Myrrhe, Opoponax zu gleichen Teilen, eine Prise Teufelsdreck gemischt mit 2 Teilen Lorbeerblättern und einem halben Teil Bernstein. Davon räuchert man eine haselnussgroße Menge für ein Zimmer.

In den mittelalterlichen Zeiten kam kaum eine medizinische Rezeptur der Kräuterbücher und Apotheken ohne ihn aus. Bernstein wurde zu Pulver gemahlen, in Salben eingearbeitet, als Räucherwerk verwendet und natürlich als Kette getragen. Selbst heute gibt man den zahnenden Babies eine Bernsteinkette, die früher zusätzlich vor bösen Geistern und Alpmaren schützen sollte.

Die Bernsteinkunst

Nach der Reformation im 16. Jahrhundert wurden aus den Paternostermachern die Bernsteinschnitzer. Sie brachten die Kunst des Bernsteins zu verarbeiten, erst zum Höhepunkt. Es entstanden die berühmten Intarsien, Kirchenaltäre und Möbelstücke. Die preußischen Herrscher gaben viele Bernsteinkunstwerke in Auftrag, um diese an die Fürsten- und Herrscherhäuser der damaligen Zeit zu verschenken.

Viele Mythen ranken sich ebenso um das sagenumwobene Bernsteinzimmer, das der preußische König Friedrich I. für sein Schloss fertigen ließ. Dafür wurden über 100.000 Bernsteinstücke verarbeitet. Es gelangte als Geschenk an den russischen Zaren Peter des Großen nach Russland und wurde im St. Petersburger Winterpalast eingebaut. Nach seinem Umzug in die Sommerresidenz verliert sich seine Spur im Zweiten Weltkrieg. 1944 von den Deutschen verpackt und abtransportiert oder nicht? Niemand weiß, wo es sich heute befindet. Eine Kopie des Bernsteinzimmers kann seit Mai 2003 im Katharinenpalast in der Nähe St. Petersburg besichtigt werden.

Die Faszination, die von dem samtig goldenen Bernstein ausgeht, ist ungebrochen. Er fasziniert nicht nur durch seine Geschichte. Seine Sonnenkräfte geben Lebensfreude; er lässt uns sonnige Momente erleben. Besonders in dunklen Tagen erwärmt uns sein Feuer und spendet uns Wärme und Geborgenheit. Vielleicht ist das der Moment, sich an diesem wunderbaren Stein zu erfreuen.

 

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Alraunelinie

Quellen

Internet

Bernstein - Fenster zur Vergangenheit

Literatur

Olaf Rippe, Margret Madejsky, Max Amman, Patricia Ochsner, Christian Rätsch - Paracelsusmedizin
AT-Verlag, 343 Seiten
ISBN 978-385-502692-0