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Der Dufthändler im heutigen Mittelalter

Ich erinnere mich gerne an eine Begegnung auf einem Mittelaltermarkt, als ein Veranstalter erschien, sehr gerne unseren Stand auf seinem Markt gehabt hätte und meinte: "Also das Räucherwerk in Plastiktütchen verpackt geht gar nicht. Auf unserem Markt ist alles authentisch und die Düfte müssen offen liegen." Worauf ich meinte, das sei kein Problem, sofern er mir meinen kompletten Warenbestand nach dem Wochenende ersetzen müsse, da ich alles, was offen herumliegt anschließend auf den Müll werfen könnte. Es gab erstaunte Gesichter.

Viele denken hier einfach an ihren letzten Urlaub in orientalischen Gefilden, wo man über die Basare streunt und alles offen und in großen Säcken liegt. Diese Gewürzbasare liegen jedoch meist in riesigen Gebäuden, wo keine Feuchtigkeit, Staub oder Regen in die Waren kommt. Und natürlich muss man das Klima zwischen den orientalischen Ländern und einem deutschen Mittelaltermarkt berücksichtigen. Denn das trockene und heiße Klima in Marokko oder Tunesien ist etwas anderes als die schwüle, feucht-warme Luft in Deutschlands Sommern.

Ich würde wirklich gerne einmal einen Mittelaltermarkt besuchen, wie ihn Dufthändler in vergangenen Zeiten besucht haben. Alle Düfte und Pflanzen sorgfältig in Flaschen, Kistchen und Truhen verpackt, diese mit wertvollen Stoffen ausgeschlagen. Und vor allem mit einer allseits schlagbereiten Söldnertruppe, umgangssprachlich Bodyguards genannt, sowie mit Taschen- und Personenkontrollen vor dem Zelt. Denn ohne eine solche Truppe hätte kein Dufthändler durch die mittelalterlichen Lande reisen können. Er wäre an der nächsten Biegung abgeschlachtet worden und seine Waren wäre eine überaus wertvolle Beute gewesen. In Zeiten, in denen so mancher Duftschatz, wie eine Reliquie behandelt wurde und in Kirchenschätzen verschwand, verschwand auch ein unvorsichtiger Dufthändler.

In den Liedern der provenzalischen Troubadoure und deutschen Minnesänger wissen wir, wie begehrt die Duftstoffe aus Arabien waren, die in kostbarsten Glasbehältern oder Schachteln aus Zedernholz vertrieben wurden. Und das sind ja nur die Verpackungen, die erwähnt werden. Denn gekauft wurden ja die Duftstoffe darin und nicht die Verpackung. Für ein edles Schächtelchen aus Zedernholz benötigte man keinen Dufthändler, für dessen Inhalt schon.

Wenn wir von Düften im Mittelalter reden, dann kommen immer wieder solche Sätze: Wertvoll wie Gold oder ein Menschenleben. Und das darf man wörtlich nehmen. Denn dass, was heute eine wertvolle Uhr am Handgelenk als Statussymbol leistet, war in früheren Zeiten eine in Gold gefasste Muskatnuss, die man als Reichtumssymbol um den Hals trug. Gewürze, wie Pfeffer wurden in 1 : 1 in Gold aufgewogen. Und jetzt stellen Sie sich unseren Dufthändler in mittelalterlichen Zeiten vor, mitten im Markttrubel, einsam an seinem Stand sitzend und mit  offenen und riesigen Säcken voller Muskatnüsse, Pfefferkörner und anderer Schätze vor sich.

Also kein Dufthändler hätte es gewagt unbewaffnet durch die Lande zu reisen oder einen Markt zu besuchen. Er musste sowieso erst seine Waren an der nächsten Grenze verzollen, dem Herrscher einen Hausbesuch abstatten, damit dieser sich in aller Ruhe von den Düften überzeugen und auswählen konnte. Denn der normale Marktbesucher konnte sich die Düfte und deren Verpackungen sowieso nicht leisten.

Und allein die Zollgebühren hatten es in sich. Wie wertvoll Düfte in den antiken Zeiten und im Mittelalter eigentlich waren, wissen wir hauptsächlich durch die Listen mit den Zollgebühren und Inventaren von Kirchen- und Tempelschätzen. Also musste unser Dufthändler nicht nur mit seinen wertvollen Waren und Verpackungen reisen, nein, er musste auch noch eine gut gefüllte Geldtruhe mit sich führen. Und allein für diese Geldtruhe hätte sich schon ein Überfall gelohnt.

Die wichtigsten Zentren für Duftstoffe und Gewürze waren Venedig und Florenz im 12. Jahrhundert. Hier begann die erste Parfumindustrie des Abendlandes. Und für die beginnende Parfumindustrie entstanden in Murano, ab dem 13. Jahrhundert, die Manufakturen, die die wertvollen Flakons herstellten, die mit Gold, Silber und Perlen ausgestattet waren. Von hier aus gelangten die exotischen Spezereien in ihren edlen Verpackungen in die Machtzentren des Mittelalters.

Eine offene Präsentation seiner Kräuter, Gewürze, Zubereitungen, Parfums, noch dazu in diesen wertvollen Flakons hätte viele Langfinger auf einem Markt auf den Plan gerufen. Abgesehen davon, dass die Ware sehr schnell verderblich ist. Wir sehen das jedes Wochenende. Wenn die Trockenheit und der Wind zunimmt, müssen die Fläschchen mindestens dreimal am Tage abgestaubt werden, bei einer offenen Präsentation der Räucherpflanzen, Kräuter und Seifen liegt der Staub in und auf der Ware.

Und beim Niesel- oder Dauerregen ist es noch gravierender. Dann kommt Feuchtigkeit in die Kräuter und die schimmeln bereits nach zwei Tagen. So kann man beobachten, wie so mancher "authentische" Händler am Abend einfach mal über seine Kräutlein schaut und das eine oder andere verschimmelte Teilchen rausfischt und wegwirft. Also hygienisch einwandfreie Ware ist was anderes.

Mal abgesehen davon, dass sich das Aroma der Düfte unglaublich schnell verflüchtigt und die Kräuter sehr schnell ausbleichen, wenn sie den ganzen Tag offen präsentiert werden. Je trauriger die Kräuter aussehen, um so weniger Duft und vor allem die wertvollen Inhaltsstoffe darf ich erwarten. An unserer Räucherwand hängen die einzelnen Räucherpflanzen zwar in Tütchen abgepackt, sicher vor Staub und Nässe, allerdings nicht sicher vor direkter Sonneneinstrahlung. Und so tauschen wir regelmäßig die Tütchen an unserer Räucherwand aus. Da sich bei direkter Sonneneinstrahlung bereits nach zwei Wochenenden die Kräuter und Räuchermischungen mit Kräutern ausgebleicht sind und das Aroma sich in Luft aufgelöst hat.

Und das gilt auch für die vielen Düfte und Zubereitungen daraus. Oft findet man Duftstände, die Parfums, Massageöle, Cremes und Düfte stundenlang in der prallen Sonne stehen haben und das meist noch in Klarglasflaschen. Dabei sind gerade diese Inhalte extrem licht- und hitzeempfindlich und verderben unglaublich schnell. Das liegt daran, dass sich durch die massive Sonneneinwirkung wertvolle Inhaltsstoffe zersetzen, chemische Prozesse in Gang kommen, das Produkt oxidiert und so einen idealen Nährboden für Bakterien, Pilze, Keime und Schimmel bildet.

An unserem Stand haben wir für unsere Cremes immer ein elektrische Kühlaggregat dabei, das ist zwar nicht mittelalterlich authentisch, dafür bleibt unser Produkt hygienisch einwandfrei. Denn im Gegensatz zu den mittelalterlichen Salbenbereitungen, die meist aus Öl und Bienenwachs bestehen, besitzt eine Creme immer eine Flüssigkeitsphase aus Wasser oder Hydrolat. Solche verderblichen Produkte, wie Cremes, sind eine moderne Erfindung und gab es in mittelalterlichen Zeiten noch nicht. Ebenso erfolgt die Aufbewahrung der kostbaren Inhalte immer in Braun-, Blau- oder Violettglas um den Inhalt vor Lichtschäden zu bewahren.

Dafür ernten wir von den Veranstaltern immer wieder erstaunte Blicke: Wieso könnt ihr euren Stand nicht hier aufschlagen? Verständnisloser Blick zu uns und anschließend in den Lageplan der Stände. Mit dem Hinweis, dass unsere Waren sehr schnell verderben und wir unter diesen Umständen dann gar nicht erst aufbauen, lässt sich dann meist noch ein Plätzchen mit wenig Sonne finden. Und am Rande, liebe Veranstalter: Dufthändler mögen es überhaupt nicht direkt neben oder gegenüber den Essensständen zu stehen. Denn der Bratgeruch übertönt die Düfte oder vermischt sich damit und meistens riecht es dann gar nicht mehr gut. Ähnliches gilt für Standplätze neben der Toilettenanlage.

Ein anderes Thema sind die vielen Anbieter von selbstgemachter Naturkosmetik, der Marke Küchenlabor auf den Mittelaltermärkten. Da wird dann schnell die Creme neben dem Eintopf für das Mittagessen gerührt und in diese wunderbaren weißen Kosmetiktöpfchen abgefüllt. Ein kleines Etikett muss natürlich noch drauf. Noch einfacher geht das mit den Massageölen, einfach ein Basisöl ein paar Tröpfchen von irgendwas rein, Etikett drauf und fertig.

Wunderbare Sache. Zumindest für den Verkäufer. Von einem eigenen Alchemistenlabor (in modernem Deutsch: Herstellungsraum), Hygienevorschriften, sachgemäßer Aufbewahrung der Rohstoffe, Rückstellproben der hergestellten Kosmetika, Dokumentation des kompletten Produktionsvorganges, komplette Deklaration der Inhaltsstoffe in INCI - wozu der Aufwand und die Kosten? Das geht doch im Küchenlabor viel einfacher. Und so wie diese Produkte hergestellt wurden, ist auch die Qualität - gering bis bescheiden.

Und vor allem keine Kontrolle. Denn jedes Produkt, das verkauft wird und mit der Haut in Berührung kommt, fällt unter die europäische Kosmetikverordnung und die wird jedes Jahr von Kontrolleuren überwacht. Die kommen tatsächlich unangemeldet, stehen vor der Tür des Alchemistenlabors und begehren Einlass. Und zwar jetzt sofort und auf der Stelle, die Rückstellproben werden mitgenommen und diese nach Keimen untersucht. Und darunter fällt jede Seife, Massageöl, Creme, Shampoo, Badeöl usw. das hergestellt wird. Ach ja, die entsprechenden Dokumentationen werden sich bei der Gelegenheit auch angeschaut.

Ein anderes wichtiges Thema, das mir sehr am Herzen liegt, betrifft die angehenden Wundärzte und Quacksalber, die gekonnt mit Heilaussagen um sich werfen. Ob Krebs, Schuppenflechte, offene Wunden oder Morbus Crohn - der Bandbreite der Krankheiten stehen die Tiegelchen gegenüber, deren Inhaltsstoffe selbstverständlich nicht deklariert sind. Was darin ist? Geheimsache! Schließlich verrät man sein Geheimrezept ja nicht. Der Erfolg wird allerdings garantiert, selbst wenn Sie nur noch drei Wochen zu leben haben. Oder wie drückte es ein Schelm aus: "Sie haben Krebs? Da habe ich was für Sie."

So tropfte ein Dufthändler jedem vorübergehenden Marktbesucher etwas Flüssiges auf die Hand. Teilweise ungefragt und teilweise mit "Geben Sie mir mal die Hand" und schwubs waren da einige Tropfen auf Kleidung oder Haut. Und zwar ohne die Antwort des Marktbesuchers abzuwarten. Das fand ich spannend, denn angeboten wurde auf den ersten Blick ein Pfefferminzöl, das sich dann als Ackerminzenöl herausstellte. Für mich grenzte dieses Verhalten schon an vorsätzlicher Körperverletzung. Denn Ackerminzenöl ist nichts für Epileptiker, Schwangere, empfindliche und ältere Menschen und Kinder unter sechs Jahren. Und so klagten dann auch einige Marktbesucher über Kopfschmerzen und Übelkeit der helfenden Tropfen, die selbstverständlich bei allen kleinen Wehwehchen und ganz massiven Krankheiten heilen sollten.

Bedenken Sie, ein Quacksalber hat keine medizinische Ausbildung und weiß nichts über die verwendeten Pflanzen, erteilt Ihnen dafür Ratschläge, wie Sie Ihre Krankheit heilen können und zwar nur mit seinen wertvollen Kräutern oder Kräuterzubereitungen. Gibt der nette Dufthändler dabei sein Geheimrezept nicht preis, haben Sie überhaupt keine Garantie, welche Rohstoffe und vor allem in welcher Dosierung in diesem Produkt darin sind, ob es hygienisch einwandfrei hergestellt wurde und ob das Produkt richtig gelagert wurde. Und natürlich verbietet ein solches Vorgehen das Heilmittelwerbegesetz. Und egal ob Sie ein Arzneimittel oder Kosmetikprodukt kaufen - es müssen immer die Inhaltsstoffe des Produktes deklariert werden. Ein Geheimrezept darf nach der Gesetzeslage nicht verkauft werden.

Auf einem Mittelaltermarkt herrscht dagegen blinder Glaube an die Aufrichtigkeit des Händlers und dessen Märchenstunde. Immerhin haben so manche Händler viel Glück auf heutigen Mittelaltermärkten tätig zu sein. Denn in den mittelalterlichen Zeiten stand auf so manches Vergehen die Todesstrafe. Da wurde nicht lange gefackelt und bei Nichteinhalten von Geheimrezepten oder Duftverfälschungen der Händler einfach hingerichtet.

Besonders auf Alraunenfälschungen stand im Mittelalter die Todesstrafe. Denn die Alraune als Glückssymbol für langes Leben, Geld und Ruhm durfte per Gesetz nicht gefälscht werden. Gerne denke ich an eine Episode zurück, wo ein Händler seine "Unter-Tisch"-Alraunen als hohe Bäume in Indien wachsend anpries, deren Wurzeln er hier nun verkaufte. Als ich ihn schmunzelnd fragte, ob er jemals in seinem Leben eine Alraunenwurzel gesehen hätte, bekam ich ein Nein zurück! Also ein Händler mit heißer Ware ohne offizielle Kenntnis darüber, was er da verkauft. Dies hat zumindest in den heutigen Zeiten einen klaren Vorteil, stellt sich die Wurzel als Fälschung heraus, kann sich der Händler auf Unwissenheit herausreden. In den mittelalterlichen Zeiten hätte ihm das allerdings das Leben gekostet.

Getrocknete Alraunenteile dürfen wegen des Anteiles an Alkaloiden nicht verkauft werden. Sie fallen in der deutschen Gesetzgebung unter die apothekenpflichtigen Arzneidrogen und dürfen nur an Apotheken, Hochschulen der Pharamzie und Pharmaunternehmen verkauft werden. Aus diesem Grund finden Sie offiziell auf einem Mittelaltermarkt und im Handel keine getrockneten Alraunenwurzeln. Wenn Sie Glück haben, bekommen Sie eine komplette Alraunenpflanze im Topf.

Und wenn Ihnen der nette Dufthändler sagt, dass er Alraunenwurzel im Angebot hat und Sie dieses annehmen möchte, wäre es schon hilfreich, wenn wenigstens Sie als Käufer der Unter-Tisch-Ware wissen, wie eine solche Wurzel aussieht. Denn die Preise für die Unter-Tisch-Waren sind horrend, auch für die Fälschungen!

Und was man alles an Antworten von Dufthändlern auf seine Fragen bekommt, ist mitunter nur atemberaubend. So fand ich an einem Kräuterstand einen überaus kostbaren und seltenen Duft von dem ich bis jetzt noch nie etwas gehört hatte. Auf meine Frage, was mir der Dufthändler über diese Kostbarkeit sagen konnte, bekam ich zur Antwort: "Also mein Lieferant weiß auch nicht, was das für eine Pflanze ist."

Das ist wie, wenn Sie in ein Autohaus gehen und ein Auto kaufen möchten und der nette Händler antwortet:" Also zu der Innenausstattung und Motorleistung kann ich Ihnen nichts sagen und mein Lieferant weiß auch nichts darüber."

Wenn Sie also das nächste Mal einen Mittelaltermarkt besuchen, halten Sie einfach mal die Augen auf und fragen kritisch nach, sollten Sie sich für kosmetische Produkte oder Duftstoffe interessieren. Treffen Sie auf einen Schelm, der nichts über seine Pflanzen weiß oder Ihnen nicht verraten möchte, was in seiner Geheimrezeptur darin ist, verzichten Sie lieber. Selbst in mittelalterlichen Zeiten kaufte niemand die sprichwörtliche Katze im Sack. Seriöse Händler wissen über ihre Pflanzen und Rezepturen Bescheid und können Ihnen kompetent Auskunft darüber geben.

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