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Die Pflanzen des Capitulare de villis

von Gabriela Stark

mit freundlicher Genehmigung des Mittelaltermagazins Miroque

 

Die “Capitulare de villis vel curtis imperialibus” entstand eigentlich nur aus den Versorgungsengpässen von Karl dem Großen und seinem Gefolge, mit dem er durch sein Reich reiste. In den Capitularen (Kapiteln) der Landgüterverordnung ist genau aufgelistet, wie die Hofgüter im Reich Karl des Großen verwaltet und bewirtschaftet wurden, damit Kaiser und Heer jederzeit versorgt werden konnten. Es ist das erste Regelwerk im Frühmittelalter, das die Land-, Vieh- und Forstwirtschaft regelte und Vorschriften für den laufenden Betrieb gab.

Heutzutage ist das “Capitulare de villis” deswegen bekannt, weil das 70. Kapitel eine genaue detaillierte Pflanzenliste von Gemüse, Obstpflanzen und Heilkräutern beinhaltet. Diese Pflanzen wurden durch die Landgüterverordnung im gesamten Reich Karl des Großen angepflanzt und kultiviert. Bevor die Landgüterverordnung im gesamten Reich Karl des Großen in Kraft trat, gab es nur die kultivierten Gärten der Römer und einfachste Gärtchen der Landbevölkerung.

Die nächsten Aufzeichnungen über einen größeren Heilkräutergarten lassen sich im St. Gallener Klosterplan nachweisen, der zu den ältesten überlieferten Architekturplänen gehört und der zwischen 816 - 830 n. Chr. entstand. Das nächste Zeugnis aus dieser Zeit erzählt der Abt des Klosters Reichenau Walafrid Strabo, der seinem Nutz- und Heilpflanzengarten ein eigenes Gedicht widmete. Strabo war der Erste, der nicht nur den Nutzen der Pflanzen, sondern auch die Schönheit und Poesie in den Garten einfließen ließ.

Der Beginn der Klostermedizin

Aber diese Zeit ist auch aus einem anderen Grund prägend. Denn es ist immer noch die Zeit der christlichen Missionierung, in der die heidnische Bevölkerung zu Christen bekehrt wurde. Die christliche Missionierung umfasste die Zeitspanne vom 6. - 8. Jahrhundert n. Chr. Und bevor die Landgüterverordnung Karl des Großen einheimische und mediterrane Pflanzen unter seiner Regie kultivieren ließ, wurden vor allem die einheimischen Heilkräuter wild gesammelt, um medizinisch verwendet zu werden.

Dazu muss man wissen, dass die medizinische Versorgung durch die Missionierung nicht mehr gewährleistet war. Denn der Kirche galten die einheimischen Pflanzen als heidnisch und dämonisch. In der Synode von Liftinae wurde 743 n. Chr. durch den Missionar Bonifatius das Sammeln der heilkräftigen Kräuter kirchlich verboten. Bonifatius war es übrigens auch, der die heiligen Bäume der Kelten fällen ließ.

So entstand ein großer medizinischer Notstand in Karls Reich, der erst mit der “Capitulare de villis” endete, die 812 in Kraft trat. Und nicht nur das - Karl der Große ordnete ebenso an, dass Medizin an allen Klosterschulen zu lehren sei. Erst jetzt wurde das bisherige medizinische Wissen gesammelt, erfahren und in Schriften festgehalten. Obwohl eigentlich die Benediktinermönche, ausgehend aus Süditalien, die ersten kleinen Heilkräutergärten innerhalb der Klostermauern anlegten und in ihren Klöstern verbreiteten, war die Landgüterverordnung Karl des Großen der Beginn der Klostermedizin und einer offiziellen Heilkräuterversorgung durch Klosterapotheken.

Gegen Ende des 8. Jahrhunderts entstand das Lorscher Arzneibuch, der sogenannte Codex Bambergensis Medicinalis im Kloster Lorsch bei Worms. Es war die erste Handschrift, die die medizinische Verwendung der einheimischen Pflanzen berücksichtigte. Zuvor waren nur die medizinischen Werke der antiken Heilkundigen wie Hippokrates, Diuskurides, Plinius oder Galen bekannt, die natürlich die mediterranen Pflanzen verwendeten.

So passt es in das Zeitgeschehen, dass auf der Mainzer Synode von 813 der kirchliche Feiertag Maria Himmelfahrt zum 15. August offiziell eingeführt wurde. Ebenso wurde die Legende verbreitet, dass die Jünger im Grabe Marias anstelle ihres Leichnams duftende Kräuter und Blumen vorfanden. Seit diesem Zeitpunkt stehen die heilkräftigen einheimischen Pflanzen unter dem Schutz und Symbol Marias und bekommen bis heute den christlichen Segen. Es ist zufälligerweise genau der Zeitpunkt, an dem die Heilkräuter ihre höchste Heilkraft innehaben und jetzt geerntet und gesammelt werden, um die Hausapotheke für den kommenden Winter zu bestücken.

Die Pflanzen im Capitulare

Während nur wenige einheimische Pflanzen wie das Tausendgüldenkraut Eingang in das Capitulare fanden, waren es hauptsächlich die Medizinalpflanzen des antiken Arztes Diuskurides, die angebaut wurden. Wie weitreichend die Verordnung des “Capitulare de villis” ist, erkennt man daran, dass von den aufgelisteten 89 Pflanzen bis in die heutige Zeit 47 immer noch angebaut werden. Die “Capitulare de villis” lässt sich dabei in unterschiedliche Bereiche eingliedern: Die Pflanzen zur Ernährung, Heilung und Kleidung.

Die Pflanzen zur Ernährung

Zur Ernährung wurden in großem Stil Wurzelgemüse wie z.B. Rüben, Mangold, Haselwurz, Eibisch, Malve, Möhren und Pastinaken angebaut. Gemüse wie z.B. Melde, Fuchsschwanz, Rübenkohl, Kohl und Kochkräuter wie z.B. Schnittzwiebel, Schnittlauch, Porree, Rettich, Schalotte, Zwiebeln und Knoblauch fanden nun Eingang. Der Obstanbau förderte Äpfel, Pflaumen, Vogelbeeren, Mispeln, Kirschen, Esskastanien, Quitten, Mandeln, schwarzen Maulbeerbaum, Walnuss und Pfirsiche. Die Hundsrose wurde ebenso angebaut, da ihre Früchte, die Hagebutten, die Vitaminversorgung üer den Winter sicher stellten.

Der Birnbaum allerdings fehlte in der Landgüterverordnung, da dieser zu den geächteten heidnischen Pflanzen gehörte. Dieser wurde wie die keltischen Thingbäume Opfer der Christianisierung; und die Bäume wurde großflächig gefällt, während die Haselnuss durch die Landgüterverordnung jetzt kultiviert wrude. Die Haselnüsse wurden vorher wild gesammelt. Auch Nadelbäume wie Kiefern wurden nun forstwirtschaftlich kultiviert, denn sie lieferten Kienspäne, Brenn- und vor allem Bauholz für Gebäude.

Ebenso wurden mediterrane Gewächse wie Lorbeer, Feigenbäume, Flaschenkürbis und Melonen in Karls Reich verbreitet. Speziell diese Sorten vertragen die Winter im nordeuropäischen Klima eigentlich nicht. Es könnte also sein, dass diese Pflanzen nur in den milderen Gebieten von Karls Reich angebaut wurden oder die Klimaforscher Recht haben, dass zwischen 800 - 1.200 n. Chr. das Klima in unseren Breitengraden wärmer war als heute und ein durchschnittlicher Wintertag 9° - 10° Grad Plustemperaturen hatte.

Zu den Kräutern und Heilpflanzen zählten unter anderem Dill, Fenchel, Diptam, Senf, Bohnenkraut, Tausendgüldenkraut, Schlafmohn, Rainfarn, Kreuzkümmel, Rosmarin, Ringelblume, Kümmel, Meerzwiebeln, Kamille, Poleiminze, Brunnenkresse und Kichererbse.

Die Madonnenlilie

Erwähnenswert ist die weißblühende Madonnenlilie (Lilium candidum), die sich im “Capitulare de villis” wiederfindet. Sie ist nicht nur eine christliche Marienpflanze, die das Zeichen der Jungfräulichkeit und Keuschheit trägt, sondern ihre stilisierte Blütenfrom ging auch in die Wappen der späteren französischen Könige ein. Sie ist eine reine Symbolpflanze, die nicht als Nutz- oder Medizinalpflanze verwendet wurde. Sie hat nur wegen ihrer Symbolik Eingang in die Gärten des Capitulare gefunden.

In den frühmittelalterlichen Zeiten gewann man aus der Lilie verschiedene Präparate wie Lilienwein, der zur Menstruationsregelung eingesetzt wurde, Lilienöl bei Verbrennungen oder gekochte Lilienblätter bei Muskelverspannungen. Diese wurden allerdings aus der Schwertlilie (Iris germanica) gewonnen und nicht aus der Madonnenlilie. Heutzutage kennen wir das kostbare ätherische Irisöl, das wohl zu den teuersten Duftstoffen der Welt gehört, und die getrockneten Wurzelstücke, die im Handel als Veilchenwurzel für zahnende Babies verkauft werden. Einen Tropfen des ätherischen Öles in eine Salbe oder Gesichtsöl gegeben - und wir erhalten die Wirkung, die bereits Hildegard von Bingen beschrieb: “...um eine angenehme Haut und gute und schöne Farbe im Gesicht zu bekommen.” Irisöl kann nämlich die Haut stark regenerieren und der Hautalterung vorbeugen.

Die Färbepflanzen

Angebaut wurden nach dem Capitulare ebenso die Färbepflanzen wie Krapp (rot) und Waid (blau), sowie Flachs und Hanf, aus dessen Fasern Stoffe hergestellt wurden; wobei der Hanf nicht nur Fasern für Stoffe lieferte, sondern auch eine sehr intensiv genutzte Medizinalpflanze war.

Der Schlafmohn

Ebenso wurde der Schlafmohn (Papafer somniferum) angebaut, der wohl im Frühmittelalter zu den wichtigsten Heilpflanzen gehörte. Die Samen, die kein Opium enthalten, wurden als Nahrungs- und Genussmittel verwendet. Man streute sie auf das Brot oder genoss ein Dessert aus Mohnsamen mit Honig. Aus den angeritzten noch grünen Mohnkapseln wird das Rohopium gewonnen, das in diesen Zeiten ein wirkungsvolles Schmerz- und Betäubungsmittel war. Das Opiumverbot wurde erst in Kraft gesetzt, als man in der Lage war, synthetische Opiate herzustellen.

Die Ringelblume

Eine sehr vielseitige Pflanze des Capitulare ist die Ringelblume (Calendula officinalis). Sie ist nicht nur eine bekannte Medizinalpflanze für Salben und Mazerate, sondern eine ebenso beliebte Färberpflanze, mit der man den gelben Farbton erreichen kann. Ebenso wird sie bis heute zum Verfälschen des Gewürzes Safran verwendet.

Die Ringelblume gehört heute zu den am besten erforschten Wundpflegemitteln und ist in vielen kosmetischen und medizinischen Präparaten enthalten. Ihre hautregenerierende, schmerzlindernde und wundheilende Wirkung helfen nicht nur einer verletzen Haut, sondern auch einem zarten, aber wunden Babypo oder entzündeten Brustwarzen stillender Mütter. Wie das Johanniskrautöl helfen das Ringelblumenöl oder auch die -salbe bei Prellungen, Quetschungen, Wunden, Verbrennungen und beim Wundliegen.

Die Capitulare und die Gartenkunst

Mit den Pflanzen der “Capitulare de villis” war der Weg zu unserer schriftlich überlieferten Kräutermedizin und zur großflächigen Bewirtschaftung mit Obstbäumen und Forstwirtschaft bereitet. Aus diesen verordneten und angelegten Heilkräuter- und Nutzgärten entstanden die späteren Bauerngärten und im 10. Jahrhundert die Burggärten. Erst ab dem 12. Jahrhundert entstanden die bekannten Lust- oder Paradiesgärten des Mittelalters, deren Gartenkunst Jahrhunderte später in den berühmten Schlossgärten von Versailles oder anderen Schlössern ihren Höhepunkt erlebten.

 

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Alraunelinie

Quellen

Internet

Die komplette Pflanzenliste des “Capitulare de villis” finden Sie unter
www.biozac.de/biozac/capvil/karl_f.htm

Der Garten Karl des Großen von Dieter Beckmann
Spiegel der Forschung, Seite 50 - 58
http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2003/1051/pdf/spf010002g.pdf

Literatur

Dr. Gertrud Scherf - Pflanzengeheimnisse aus alter Zeit
Überliefertes Wissen aus Kloster-, Burg- und Bauerngärten
BLV Verlagsgesellschaft, 223 Seiten
ISBN 978-3405166786

Ulrich Stoll - Das Lorscher Arzneibuch
Text, Übersetzung und Fachglossar
Franz Steiner Verlag, 534 Seiten
ISBN 978-3515056762