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Die Flugsalben der Hexen

- Rauschgift oder pharmakologische Wunderwerke?

von Gabriela Stark

mit freundlicher Genehmigung des Mittelaltermagazins Miroque

 

Die Nachtfahrten der Hexen waren nur möglich mit den berühmten Flug- und Hexensalben. Erst wenn die Hexe sich eine Salbe gekocht hatte und damit einstrich, war sie imstande, auf dem Besen durch die Nacht zu reiten und an ihren Sabbatplätzen mit anderen Hexen orgiastische Abenteuer zu erleben.

Im Internet und in der modernen Hexenliteratur finden sich viele Rezepturen für Flugsalben, die mit den entsprechenden Warnhinweisen versehen sind. Allerdings finden Sie keine Berichte über persönliche Erfahrungen mit den Rezepten. Denn diese Rezepturen wurden nie in der Praxis erprobt. Ebenso gibt es keine einzige Überlieferung einer Flugsalbenrezeptur aus mittelalterlichen Zeiten.

Spurensuche

Dafür finden sich Flugsalben bereits in antiken Geschichten. In “Der goldene Esel” berichtet Lucius Apuleis (125 - 180 v. Chr.) über die Riten und Praktiken thessalischer Hexenkulte. So verwandelt sich die Hexe Pamphile mittels einer Flugsalbe in einen fliegenden Vogel. Homer beschreibt in seiner Illias den Flug der Göttin Hera zu Zeus, die sie nur mit einer Flugsalbe bewerkstelligen kann.

Die Flugsalbe ist also keine Erfindung der mittelalterlichen Hexen. Was uns allerdings in der Geschichte der Flugsalben fehlt, ist die Verbindung zwischen den antiken Geschichten bis zur Dämonisierung von Menschen und bestimmten Pflanzen im Mittelalter. Denn die Giftgewächse der Flugsalben, wie z.B. Bilsenkraut, Tollkirsche oder Schlafmohn wurden vielseitig eingesetzt. Es sind Pflanzen, die narkotisierende, euphorische und bewusstseinsverändernde Wirkung haben. In den Händen der allermeisten Menschen sind sie pures Gift, für wissende Kräuterweiber, Schamanen und Ärzte allerdings Medizin, Liebespflanzen oder Visionsgeber für eine Reise in andere Welten.

Geschichtlicher Hintergrund

Wir kennen die Geschichten von südamerikanischen oder tibetischen Schamanen, die sich mittels bewusstseinsverändernder Reisepflanzen in andere Welten begeben, um dort die krankmachenden Dämonen auszutreiben. Ähnliches wurde vermutlich auch in unseren Breitengraden praktiziert. Mit dem Aufstieg der Christianisierung allerdings begann der Kampf gegen Aberglaube und Magie. Während einfache Hebammen und Kräuterkundige im Laufe der Jahrhunderte immer öfter stigmatisiert wurden, begann der Aufstieg der an Universitäten ausgebildeten Ärzte. Diese waren allerdings in diesen Zeiten mehr Gelehrte als Heilkundige.

Im bekannten “Hexenhammer” werden bereits Pflanzen erwähnt, die verboten waren. Es waren dies die Nachtschattengewächse der Flugsalben, die nicht nur berauschen können, sondern pharmakologisch betrachtet hochwirksame Substanzen enthalten. Diese Substanzen kamen allerdings nicht nur in den Flugsalben vor, sondern waren fester Bestandteil der mittelalterlichen Wundsalben, die sich in fast jedem Haushalt befanden. Denn entkrampfende, schmerzstillende Salben in diesen Zeiten enthielten meist Opium oder Bilsenkraut als wirksamen Zusatz.

Auch die Zubereitung der Wundsalben und das anschließende Auftragen ähneln verblüffend den Überlieferungen der Hexenzubereitungen. Als Salbengrundlage dienten in mittelalterlichen Zeiten oft tierische Fette, wie zum Beispiel Schweineschmalz. Dafür wird das Fett gekocht, bis es flüssig ist, anschließend lässt man es unter Rühren wieder abkühlen. Erst in das fast erkaltende Fett rührt man die Kräuterzutaten, da diese bei Hitze ihre wertvollen Inhaltsstoffe verlieren.

Die Heilkundigen und Gelehrten der antiken Zeiten erkannten schon sehr früh, dass Salben, die auf bestimmte Hautstellen (wie Schläfen, Puls oder Achselhöhle) aufgetragen wurden, eine schnellere Wirkung zeigten. Das liegt daran, dass hier die Haut kaum eine Fettschicht aufweist und die Hautbarriere sehr leicht zu durchdringen ist. Die Wirkstoffe der hier aufgetragenen Salben können direkt in die Blutbahn des Körpers gelangen. Und genau an diesen Körperstellen wurden nicht nur die medizinischen sondern auch die Flugsalben der Hexen aufgetragen.

Die verwendeten Pflanzen

Die Pflanzen der Flugsalben fallen heute entweder unter das Betäubungsmittelgesetz oder gelten als giftig. Dennoch werden sie nach wie vor medizinisch genutzt und zur Herstellung wirkungsvoller Medikamente verwendet.

Das Opium

Opium, aus dem Anritzen der Schlafmohnkapseln (Papaver somniferum) gewonnen, war das wichtigste und wirksamste Schmerz- und Betäubungsmittel - nicht nur in mittelalterlichen Zeiten, sondern bereits seit der Jungsteinzeit. Je nach Kultur wurde es zur Visionssuche eingesetzt, steigerte als wirkungsvolles Aphrodisiakum die Begierde oder fungierte als Rauschmittel.

Opium war nicht nur Hexenpflanze, sondern vor allem ein fester Bestandteil des mittelalterlichen Arzneischatzes. Es wurde bei fast allen Krankheiten und Gebrechen verabreicht, selbst Kleinkinder kamen in den Genuss von Opium.

In der heutigen Medizin werden hauptsächlich einzelne isolierte, halbsynthetische und synthetische Einzelwirkstoffe aus der Grundsubstanz Opium verwendet. Dazu zählen das schmerzstillende Morphin und das in vielen rezeptfreien Medikamenten vorkommende Codein, das Schmerzen wie auch Erkältungssymptome lindert.

Die illegale Rauschdroge Heroin stammt allerdings nicht aus dem goldenen Dreieck, sondern ist eine medizinische Entwicklung der deutschen Firma Bayer aus dem Jahre 1897. 1898 brachte Bayer das Medikament unter dem geschützten Namen auf den Markt. Es war als Nachfolger für das abhängig machende Morphium gedacht. Heroin wurde als universelles Allheilmittel gepriesen und bis 1931 in 25-Gramm Gläsern in allen Apotheken rezeptfrei verkauft. Erst danach wurde durch internationale Opium-Abkommen der Handel mit solchen Medikamenten eingestellt.

Die Tollkirsche

Die Tollkirsche (Atropa belladonna) galt von Anfang an als eine dämonische Pflanze. Die Kräuterkundigen wussten um ihre heikle Anwendung und wendeten sie zur “Austreibung von Dämonen” an, wie man damals die Behandlung depressiver Menschen nannte. Hildegard von Bingen empfahl einen Tropfen Tollkirschsaft in einer Salbe bei Geschwüren.

Überliefert ist weiterhin die Geschichte eines Krieges zwischen Schotten und Dänen im 11. Jahrhundert, wo der Tollkirschsaft als biologische Waffe fungierte. Er wurde einfach dem Bier der Dänen beigemischt. Berauscht und sich im Delirium befindend, wurden die Dänen hernach kampflos entmachtet.

Die Tollkirsche trägt den botanischen Beinamen “belladonna”, das bedeutet “schöne Frau”. Im 16. Jahrhundert begannen die italienischen Kurtisanen, sich Tollkirschsaft in die Augen zu träufeln. Der Wirkstoff Atropin der Tollkirsche weitet die Pupillen der Augen infolge einer Lähmung des Irismuskels. Atropin wird heute immer noch eingesetzt, wenn in Augenarztpraxen Pupillen erweitert werden müssen. Allerdings ist das Atropin heute rein synthetischer Natur. Tollkirschwirkstoffe finden sich allerdings auch heute noch in Präparaten, die bei Herzrhythmusstörungen verschrieben werden.

Zum Räuchern eignen sich die getrockneten Tollkirschblätter. Diese enthalten in getrockneter Form den höchsten Alkaloidgehalt, der Wirkstoff Atropin entsteht erst beim Trocknen der Blätter. Ein olfactorisches Highlight sind die Tollkirschblätter dennoch nicht. In einem meiner Seminare über einheimische Pflanzen kreierten wir eine Orakelmischung zu gleichen Teilen aus Ysop, Holunderblüten, Habichtskraut, Wacholderbeeren und Tollkirschblättern. Es enstand eine sehr visionäre Mischung, mit der man tief in sein Innerstes und in die Anderswelt blicken kann.

Das Bilsenkraut

Eine der seit der Antike bekanntesten Heilpflanzen ist das Bilsenkraut (Hyoscyamus niger). Die medizinischen und bewusstseinserweiternden Wirkungen dieser Pflanze waren in antiken und mittelalterlichen Zeiten gut bekannt. Dank seiner blutstillenden, entkrampfenden, schmerzstillenden und beruhigenden Eigenschaften war Bilsenkraut Bestandteil von allen Wund- und Schmerzsalben; ebenso wurde es als Narkosemittel verwendet. Im Wein gekochte Bilsenkrautwurzeln waren das mittelalterliche Schmerzmittel bei Zahnschmerzen.

Auch berauschte man sich mit Bilsenkrautzusätzen im Bier, und die verräucherten Samen sorgten für eine luststeigernde Wirkung in den Badehäusern. Auch die Inquisition bediente sich Bilsenkrautsalben als Wahrheitsdroge bei der Hexenbefragung.

Einer der Wirkstoffe im Bilsenkraut ist das Scopolamin, das nicht nur berauscht, sondern in niedriger Dosierung gegen Übelkeit und Erbrechen hilft. In vielen Apotheken gibt es scopolaminhaltige Pflaster gegen Reiseübelkeit.

Eine schöne Zutat in selbstgerührten Salben ist das Bilsenkrautöl, das die Salbe auch wunderbar grün färbt. Dieses bekommt man rezeptfrei in jeder Apotheke. Das liegt daran, dass der Auszug der Bilsenkrautblätter in fettem Öl nur noch einen Alkaloidgehalt von 0,05 % aufweist. Eine berauschende Wirkung ist hier nicht mehr zu erwarten. Dafür sind solche Bilsenkrautzubereitungen allerdings entzündungs- und schmerzstillend.

Weitere Pflanzen

Zwei weitere Pflanzen, die mit den Flugsalben in Verbindung gebracht werden, sind der Stechapfel (Datura stramonium) und der Schierling (Conium maculatum L.) - wobei es den Stechapfel in den mittelalterlichen Flugsalben nie gegeben hat, da dieser nachweislich erst seit dem 17. Jahrhundert in Europa verwendet wird.

Meine besondere Warnung gilt dem Schierling. Er gehört zu den berüchtigten Giftpflanzen. Dieser wurde nicht nur für Giftmorde verwendet, sondern diente auch als Hinrichtungspflanze. So wurde zum Beispiel Sokrates mit einem Schierlingsbecher getötet.

So manche mittelalterliche Wundsalbe schaffte fließend den Übergang zur Flugsalbe, hier besteht also durchaus eine Verbindung. Dies würde allerdings bedeuten, dass es die Flugsalben an sich gar nicht gab, sondern Wundsalben, die aufgrund ihrer Beschaffenheit der biochemischen Wirkstoffe nicht nur heilten, sondern den Probanden auch “fliegen” lassen konnten, einfach als solche deklariert wurden.

Damals wie heute gilt: Bei unwissendem Herumprobieren kann der Proband zu ernsthaftem Schaden kommen. Darum sollte, wer sich ernsthaft für Pflanzen und ihre Wirkungen interessiert, sich unbedingt fachlich auskennen, immer vorsichtig sein und sich ständig weiterbilden.

Redaktion und Autorin übernehmen keinerlei Haftung für eventuelle Schäden, die aus der Anwendung der im Artikel genannten Pflanzen in jeglicher Form entstehen können.

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Alraunelinie

Quellen

Literatur

Gerd Haerkötter/Marlene Haerkötter
Hexenfurz und Teufelsdreck

Eichborn Verlag, 183 Seiten
ISBN 3-8218-1055-6

Patricia Felizitas Ochsner
Hexensalben und Nachtschattengewächse

Nachtschatten Verlag, 225 Seiten
ISBN 3-907080-86-6

Pflanzentipp

www.kräuter-und-duftpflanzen.de
Hier findet ihr die Pflanzen aus diesem Artikel