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Das Vermächtnis der Hildegard von Bingen

von Gabriela Stark

mit freundlicher Genehmigung des Mittelaltermagazins Miroque

 

Zu den bekanntesten Persönlichkeiten des mittelalterlichen Deutschlands gehört Hildegard von Bingen, die vor genau 900 Jahren lebte. Geboren wurde sie 1098 im heutigen Weindorf Bermersheim bei Alzey. Sie verließ diese Welt im Jahr 1179 als Äbtissin in ihrem Kloster auf dem Disibodenberg bei Bingen. Hildegard war Heilkundige, Mystikerin, Visionärin und Musikerin. Keine Frau hat je wieder das Zeitgeschehen und die zahlreichen Generationen nach ihr so geprägt wie sie.

Als 10. Kind einer adligen Familie war es ihr wohl vorherbestimmt, sich in die Hände der Kirche zu begeben. Sie trat mit 14 Jahren in das Kloster ein. Klöster waren noch einige Jahrhunderte zuvor nur Männern vorbehalten, doch im Laufe des Zeitgeschehens konnten nun ebenso Frauen ihren christlichen Glauben ausleben und sich Wanderpredigern anschließen, als Nonne ins Kloster gehen oder eigene christliche Gemeinschaften gründen. Für viele Frauen allerdings war das Kloster auch ein Ausweg aus schlechter Wirtschaftslage oder einer ungeliebten Heirat. Das Kloster auf dem Disibodenberg bei Bingen war ein benediktinisches Doppelkloster, das sowohl aus Männern als auch Frauen bestand.

Ihre visionäre Arbeit

Erst im Alter von 43 Jahren begann Hildegard mit dem Schreiben. Ihre erste Schrift über ihre Visionen fanden größte Anerkennung bei Papst Eugen III. und Bernhard von Clairvaux. Ihr umfangreicher Briefwechsel mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten ihrer Zeit hat den Lauf eines Jahrtausends überdauert. Sie unternahm vier große Predigtreisen und gründete zwei Klöster. Bereits zu Lebzeiten war sie eine der bekanntesten Persönlichkeiten in Europa und dem Mittelmeerraum.

Nach ihrem Tod wurde bereits kurze Zeit später die päpstliche Heiligsprechung vorbereitet. Auch wenn viele Menschen von der heiligen Hildegard sprechen, die Heiligsprechung durch ihre Kirche wurde ihr bis heute versagt. Erst Ende dieses Jahres (2012) soll Hildegard von Bingen durch Papst Benedikt XVI. heiliggesprochen und in den Rang einer Kirchenlehrerin erhoben werden.

Die Medizinschriften

Hildegards berühmte Medizinschriften “liber simplicis medicinae” (Physica) und “liber compositae medicinae” (Causae et curare) werden in einem Kanonisationsprotokoll aus dem Jahr 1233 erwähnt. Dies war lange Zeit der älteste Hinweis darauf, dass Hildegard als Verfasserin dieser beiden Schriften in Frage kam. Denn im Gegensatz zu ihren Visionsschriften und ihren hinterlassenen Musikstücken gab es lange Zeit keinen eindeutigen Beleg, dass sie diese beiden Schriften auch tatsächlich geschrieben hat. Ihre Autorschaft war schwer auszumachen, da die Inhalte der Physica sehr stark von Handschrift zu Handschrift variieren. In späteren Exemplaren werden sogar Pflanzen beschrieben, die Hildegard nachweislich noch gar nicht gekannt haben kann. Im Laufe der Jahrhunderte strichen die Kopisten aus einem Originaltext einfach einige Passagen oder fügten neuere Erkenntnisse hinzu. Das war übliche Praxis. Heute gilt ihre Urheberschaft jedoch als gesichert.

Hildegards medizinisches Werk besteht aus zwei Teilen: der “Physica”, in der die einzelnen Pflanzen, Steine, Tiere, Elemente und Flüsse aufgelistet sind, und der “Causae et cura”, in der die Heilkunde und Behandlung von Krankheiten am Menschen beschrieben werden. Das Besondere an ihrem Werk ist, dass Hildegard dem Dreiklang aus Seele, Geist und Körper folgt und die Ursachen der Krankheiten und Heilung nicht allein auf die Behandlung des Körpers reduziert.

Ebenso aufschlussreich ist, dass sie auffällig oft von den zu ihrer Zeit bekanntesten medizinischen Vertretern Dioskurides und Galen abweicht. Das weist darauf hin, dass Hildegard - wie später auch Paracelsus - ihr Wissen direkt aus dem Volk bezog und die Erkenntnisse der mündlich überlieferten Volksheilkunde in ihre Schriften aufnahm. Das macht Hildegards medizinische Überlieferung so einzigartig.

Die Pflanzen in Hildegards Werk

Hildegard war wohl die Erste, die den laxen Umgang mit den im Mittelalter weit verbreiteten Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmitteln wie Schlafmohn (Opium) und Bilsenkraut kritisierte. Und auch erste Beschreibungen exotischer Gewürze, wie Muskatnuss und Pfeffer finden sich in der Physica.

Die Muskatnuss

Über die Muskatnuss (Myristica fragrans) schreibt Hildegard in ihrer Physica: “Die Muskatnuss hat große Wärme und eine gute Mischung in ihren Kräften. Und wenn ein Mensch eine Muskatnuss isst, öffnet sie sein Herz und reinigt seinen Sinn und bringt ihm einen guten Verstand.” Die Muskatnuss war im antiken Römischen Reich bereits bekannt, in unseren Kulturraum gelangte sie allerdings erst zu Hildegards Zeiten. Hildegard empfiehlt weiter: “Nimm Muskatnuss und in gleichem Gewicht Zimt und etwas Nelken, pulverisiere das. Und dann mach mit diesem Pulver und etwas Semmelmehl und etwas Wasser Törtchen und iss diese oft. Es dämpft die Bitterkeit des Herzens und deines Sinnes, öffnet dein Herz und deine stumpfen Sinne, macht deinen Geist fröhlich und reinigt deine Sinne.” Hier werden die berühmten Plätzchen gegen die Traurigkeit beschrieben; Hildegard erkannte die euphorisierende Wirkung der Muskatnuss und setzte sie gegen depressive Verstimmungen ein. Heute wissen wir, dass diese Wirkung durch den Inhaltsstoff Myristicin zustande kommt, der in seinem chemischen Aufbau den Amphetaminen ähnelt, die psychotrope Wirkung haben. Aus Amphetaminen wird auch die Modedroge Ecstasy hergestellt. Die Muskatnuss gehört zu den Gewürzen, die euphorisieren, sinnlich stimmen und berauschen. Sie kann in hohen Dosierungen allerdings auch zur Sucht und Abhängigkeit führen.

Der Sanikel

Doch auch die einheimischen Pflanzen werden beschrieben - wie der Sanikel (Sanicula europaea L.), der direkt aus der Volksmedizin seinen Weg in die Physica fand. Hildegard beschrieb seine überaus erfolgreiche Wirkung in der Wundbehandlung und bei inneren Verletzungen. Im 16. und 17. Jahrhundert gehörte der Sanikel zu den bekanntesten Wundkräutern. Aus dieser Zeit stammt die Redewendung: “Wer Sanikel hat, benötigt keinen Chirurgen”. Dies liegt an seinem hohen Gehalt an Saponinen und Allantoin. Diese beiden Wirkstoffe fördern den Heilungsprozess des verletzten Gewebes, lassen es gut zusammenwachsen und schützen vor Infektionen.

Der Gundermann

Der Gundermann (Glechoma hederaceae L.) besser bekannt als Gundelrebe, wurde ebenso zur Wundbehandlung verwendet. Gundermann ist bekannt als eines der ersten Frühlingskräuter, die auch in die “grüne Neune” kommen, eine Kräutersuppe, die aus neun Kräutern besteht. Er enthält viel Vitamin C und Kalium. Als Salatgewürz oder für einen leckeren Kräuterquark ist er ebenso zu verwenden. Zu Hildegards Zeiten wurde er allerdings nicht nur in der Küche, sondern für schlecht heilende Wunden, Grind und Geschwüre verwendet. Für diese Anwendungen wurden Dekokte verwendet oder einfach nur die Blätter aufgelegt. Die positive Wirkung beruht auf dem hohen Gehalt an Gerbstoffen der Pflanze.

Die Bäume in der Physica

Hildegard nahm allerdings nicht nur Kräuter in ihre Physica auf, sondern widmete auch den Bäumen ein ganzes Kapitel. Während die Pflanzenbeschreibungen eher medizinisch nüchtern ausfallen, finden sich in den Baumbeschreibungen mystische und magische Ansätze, die den heidnischen Baumkult und die hohe Verehrung der Bäume im Volk widerspiegeln.

Die Esskastanie

So schreibt sie über die Esskastanie (Castanea sativa Mill.), dass allein die Berührung der Hand mit dem Holz die Kräfte des Körpers stärke und der Geist frei werde. Hildegard empfahl die Esskastanie bei Gemütsleiden, Gicht, Herzproblemen und Tierseuchen. Ihre Indikationen der Esskastanie weichen stark von denen der antiken Heilkunde ab. Die Kastanie kam mit den Römern in unseren Kulturkreis, und ihre Früchte sind heute wie damals eine leckere Delikatesse. Die Blätter des Baumes sind als schleimlösendes Mittel noch heute in unseren Arzneimitteln zur Behandlung von Erkältungskrankheiten enthalten.

Hildegards Vermächtnis

Hildegards umfangreiches Vermächtnis gilt es neu zu entdecken. Denn vieles aus ihrem Werk hat bis in die heutige Zeit an Aktualität nichts verloren. Dennoch gibt es nach wie vor nur wenige Autoren, die sich fundiert mit ihrem Wissen auseinandersetzen. Und bei Weitem nicht bei allem, wo Hildegard von Bingen draufsteht, steckt auch wirklich Hildegards Werk dahinter. Ihre Arbeit umfasst nicht nur eine Beschreibung der zeitgenössischen Pflanzen und ihrer Anwendung in der Medizin. Hildegards Ansatz geht weit darüber hinaus: Er umfasst eine gesunde Lebensführung und Ernährung genauso wie die Aufforderung, das Seelenheil in der Schönheit von Natur und Gott zu sehen und zu finden.

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Alraunelinie

Quellen

Literatur

Irmgard Müller
Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen

Otto Müller Verlag Salzburg
ISBN 3-7013-0630-3

Barbara Beuys
Denn ich bin krank vor Liebe

Das Leben der Hildegard von Bingen
Piper Verlag
ISBN 3-492-23649-9