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Die Myrrhe - Ein antikes Allheilmittel

von Gabriela Stark

mit freundlicher Genehmigung des Mittelaltermagazins Miroque

 

Die Entstehungslegende der Myrrhe geht auf den griechischen Ependichter Panyassis aus Halikarnassos (zirka 5. Jh. v. Chr.) zurück: “Myrrha war eine Königstochter, die sich durch einen Zauber Aphrodites in ihren Vater verliebte und ihn zwölf Nächte lang verführte. Die Liebesnächte blieben nicht ohne Folgen: Myrrha war schwanger geworden. Als der König erkannte, wer ihn verführt hatte, wollte er sein Kind töten. Verfolgt von ihrem Vater flüchtete Myrrha und bat die Götter, sie unsichtbar werden zu lassen. So wurde sie in einen Baum verwandelt, und ihre Tränen wurden zum Myrrhenharz. Aber nach neun Monaten brach der Baum auf und ihr Kind Adonis wurde geboren.”

Die Schutzaspekte der Myrrhe

In dieser Geschichte spiegelt sich der magische Schutzaspekt der Pflanze wieder. Die antiken Ägypter gebrauchten sie als magisches Mittel, um sich zu wappnen und Unheil abzuwehren. In den unterschiedlichsten Papyri finden sich viele magische Rezepturen mit Myrrhe, die fast alle zum Schutz des Lebens eingesetzt wurden.

Für die antiken Ägypter war sie gar der Übergang zur Unsterblichkeit. Wie sehr dieser Begriff wirkt, fanden Wissenschaftler der Universität Kairo heraus. Denn die Einbalsamierer jener Zeit waren gute Kenner in der Mikrobiologie der verwendeten Pflanzen. Je mehr Myrrhenharz dem Leichnam beigegeben wurde, desto besser erhalten sind die Mumien. Selbst nach Jahrtausenden blieben die Körper weitestgehend unversehrt.

Die Myrrhe war eine der wichtigsten und vielseitig genutzten Pflanzen in der Antike. Sie war nicht nur Zauber- und Ritualmittel, sondern ein ebenso geschätztes Kosmetikum und Arzneimittel. Dabei war sie mehr als nur ein Duft, der zu spirituellen oder erotisch-sinnlichen Zusammenkünften einlud. Die Myrrhe galt als ein universelles Allheilmittel, mit dem man Körper und Seele heilen konnte, und als ein Sinnbild für ein überaus langes Leben.

Wertvoller Myrrhenduft

In den Tempellaboratorien der Ägypter entstand die erste professionelle Kosmetikindustrie der Welt. Ausgehend von Ägypten eroberten die Parfums und parfumierten Salben die antiken Zentren Roms und Griechenlands. Gerühmt wurde ihre hohe Qualität und lange Haltbarkeit. Von Theophrast (371 v. Chr. - 286 v. Chr.) wissen wir, dass die sogenannte “ägyptische Salbe” in Rom bis zu 300 Silberdrachmen kostete. Sie bestand aus Behenöl, Zimt und Myrrhe.

Während Ägypten und Griechenland im Duftrausch schwelgten, kamen die Römer erst spät in den Genuss der Düfte. Im 2. Jahrhundert v. Chr. gab es nur einen sehr bescheidenen Gebrauch von Weihrauch und Myrrhe, bereits 100 Jahre später führte Rom 3.000 Tonnen Weihrauch und 600 Tonnen Myrrhe ein. Es gab in Rom einen ganzen Stadtteil, den vicus unguentarius, der an Händlern, Kosmetikherstellern und Geschäften alles bot, was Frau und Mann an Duft benötigten, angefangen von reinen Harzen zum Räuchern, für Salbenzubereitungen und Parfums. In Rom gab es alles an Salben, Parfums und reinen Pflanzen, was die gesamte damalige Welt aufbieten konnte. Von Duftstoffen aus Indien und China kommend bis zu Weihrauch und Myrrhe, die über die Seiden- und Weihrauchstraße transportiert wurden.

Etwas Myrrhenbotanik

Bereits Plinius der Ältere (23. n. Chr. - 79 n. Chr.) unterschied - wie auch Dioskurides - verschiedene Myrrhearten. Heute kennen wir über 200 verschiedene botanische Myrrhe-Varietäten. Die bekanntesten Vertreter sind die Myrrhe (Commiphora molmol), Opoponax (Commiphora glabrascens), die süße Myrrhe und Guggul (Commiphora mukul), die indische Myrrhe, die auch als indisches Bdellium bekannt ist. Wer viel räuchert, weiß, wie sehr sich bereits diese drei Myrrhearten in Aussehen und Geruch unterscheiden. Das Aussehen eines Myrrhebaumes war in der Antike gänzlich unbekannt; und selbst als die Myrrhe Einzug in die unterschiedlichen mittelalterlichen Arzneibücher fand, gab es niemanden, der das Aussehen des Baumes beschreiben konnte. Erst 1826 wurde der Baum botanisch von dem Zoologen Christian Gottfried Ehrenberg beschrieben.

Die Myrrhe wächst in den trockenen Gebieten von Nord-/Ostafrika, Arabien, Indien und Madagaskar. Ihr Aussehen ähnelt dem Weihrauchbaum. Die Myrrhe kann bis zu drei Meter hoch werden. Der Name leitet sich von ihrem bitteren Geschmack ab. Der botanische Name “molmol” bezieht sich auf das somalische Wort “malmal” und bedeutet “sehr bitter”. Die Harzgewinnung erfolgt zwischen Juni und August nach der Regenzeit. Dabei erntet man pro Baum zirka drei bis vier Kilogramm Myrrhenharz pro Jahr.

Die Biochemie der Myrrhe

Besonders interessant ist ihre biochemische Zusammensetzung. So enthält die Myrrhe aus der Art Commiphora molmol, die in der heutigen Zeit medizinisch verwendet wird: 6 - 8 % ätherisches Öl, 28 - 30 % alkohollösliches Harz, 61 % Gummi und Enzyme. Das destillierte ätherische Öl besteht aus 85 - 95 % Sesquiterpenen, Monoterpenen, Phenolen, Aldehyden und Ketone. Es ist kein Wunder, dass die Myrrhe große Bedeutung in antiken und mittelalterlichen medizinischen Rezepturen hatte. Das ätherische Öl ist extrem hautfreundlich, seelisch stark stabilisierend und führt in die eigene Mitte. Myrrhenöl kann die Histaminproduktion regulieren. Histamine sind chemische Botenstoffe (Neurotransmitter), die für Schmerz-, Entzündungs- und Juckreiz, aber auch bei allergischen Reaktionen verantwortlich sind. Bei Stress werden vermehrt Histamine ausgeschüttet.

Antike medizinische Anwendungsweisen der Myrrhe

Besonders zur Wundheilung und bei Schmerzen wurde die Myrrhe im antiken Ägypten angewendet. Herodot beschreibt in seinen Historien, dass die Wunden der Krieger im persischen Krieg mit Myrrhe behandelt wurde. Ihre stark schmerzstillende Wirkung aufgrund ihrer morphinartigen Wirkweise hat die Universität Leipzig in Zusammenarbeit mit der Zayed Complex for Herbal Research and Traditional Medicine in Abu Dhabi belegt.

Und nicht nur zur Wundbehandlung, auch zur Schönheitspflege war Myrrhensalbe beliebt. Denn viele der damaligen Rezepturen galten dem vorzeitigen Altern der Haut und um die Faltenbildung zu vermindern. Dieses Thema ist bis heute aktuell geblieben. Das ätherische Myrrhenöl eignet sich vorzüglich zur Schönheitspflege und zur Salbenherstellung. Sie ist für alle Hauttypen geeignet und verwöhnt geradezu die stark strapazierte und irritierte Haut. Ihre stark regenerierende Wirkung lässt kleinere Wunden problemlos abheilen, mindert die Narben- und Faltenbildung und schützt die Haut.

Dioskurides schreibt in seiner Arzneimittellehre der Materia Medica über die Myrrhe, dass sie als Spülung in Wein und Öl die Zähne kräftigt und das Zahnfleisch festigt. Heute verwenden wir als desinfizierendes und entzündungshemmendes Mittel im Mundbereich Myrrhentinktur oder ein Mundwasser mit Myrrhe zur genau der gleichen Wirkung. Ebenso wird sie heutzutage bei Zahnfleischentzündungen verwendet.

Die Myrrhe besitzt antibakterielle, antivirale und immunstimulierende Wirkung. Dioskurides nutzte die Myrrhe folgerichtig bei chronischem Husten, chronischem Katarrh und Heiserkeit der Stimme. Aromamedizinisch wird die Myrrhe immer noch bei allen Erkältungserscheinungen und -erkrankungen angewendet.

Die ganze Bandbreite an Wirkungen in einem Myrrhe-Körperöl

Ein einfaches Körperöl mit Myrrhe deckt bereits eine große Bandbreite an Anwendungsmöglichkeiten ab. Dafür nehmen Sie 100 ml natives Mandel- oder Aprikosenkernöl und geben 8 Tropfen ätherisches Myrrhenöl hinein. Mit einem solchen Öl können Sie in Erkältungszeiten sich Brust und Rücken einreiben, um gut durchatmen zu können und die entzündungshemmenden und schleimlösenden Eigenschaften zu nutzen. Es ist ein hervorragendes Gesichtsöl, das der unreinen Haut ebenso hilft wie der irritierten Haut, und es hilft in Stresszeiten, wieder den Boden unter den Füßen zu spüren.

Myrrhe ist ein wohltuender und balsamischer Duft, welcher der Seele weiterhilft. Sie zentriert und beruhigt die Gedanken. Myrrhe verwurzelt uns in der Tiefe, verlangsamt das Zeitgefühl und hilft, uns aus verfahrenen Situationen zu lösen. In unserer hektischen und stressigen Zeit gibt sie einen Hort der Ruhe und Geborgenheit. Hier können wir zu unseren Wurzeln zurückfinden, Sorgen und Ängste loslassen, Ruhe und inneren Frieden finden.

Die sinnliche Wirkung der Myrrhe

Ein solches Körperöl umfasst allerdings noch einen weiteren Aspekt. Im Hohelied des König Salomon lesen wir: “Ich habe Decken über mein Bett gebreitet, bunte Tücher aus ägyptischem Leinen. Ich habe mein Lager besprengt mit Myrrhe, Aloe und Zimt. Komm, wir wollten bis zum Morgen in Liebe schwelgen, wir wollen die Liebeslust kosten.” Der Duft der Myrrhe ist untrennbar mit Liebeslust und Sinnlichkeit verbunden. Im antiken Ägypten war die Myrrhe eine große Liebespflanze. Sie war einer der Festdüfte der antiken Ägypter, die die Sinne öffnete, Harmonie gab und das Herz erfreute.

Ebenso kann Myrrhe die Pheromonproduktion anregen. Pheromone sind unsere körpereigenen Signal-, Erkennungs- und Sexuallockstoffe, die unsere individuelle Ausstrahlung und Anziehungskraft prägen. Mit einem Myrrhe-Körperöl besitzen Sie also auch etwas für die sinnliche Partnermassage. Dabei galt die Myrrhe in antiken Zeiten als fruchtbarmachendes Mittel bei Frauen und wurde kinderlosen Frauen empfohlen.

Die spirituelle Bedeutung der Myrrhe

Alle antiken Kulturen setzten Myrrhe in ihren religiösen und magischen Zeremonien ein. Während ihr Pendant, der Weihrauch, Spiritualität und das Transzendentale verkörpert, verhilft die Myrrhe zur Erdung und Bodenhaftung. Es ist das chinesische Yin und Yang-Prinzip von den polarisierenden Gegensätzen, die sich hier perfekt vereinen.

Das ist der Grund, warum Weihrauch und Myrrhe, gemeinsam verwendet, so große spirituelle Bedeutung in religiösen und magischen Handlungen erlangten. Die Myrrhe erdet uns und gibt uns die Wurzeln, die wir dringend brauchen. Denn je tiefer wir in die geistigen Welten vorstoßen, umso größer ist die Gefahr, spirituell abzudriften und uns außerhalb unserer Realität zu verankern. Wir kennen alle Menschen, die den Bezug zur Realität verloren haben und sich nur noch hingebungsvoll anderen Welten widmen. Damit sind allerdings keine echten Einsichten mehr verfügbar, sondern nur noch ein spirituelles Wunschdenken. Deswegen besitzen Magier und Schamanen eine “Karte für den Rückflug” zurück in unsere Realität. Diese Eigenschaft besitzt die Myrrhe. Sie lässt uns in unserer Mitte verankern, damit der Geist fliegen kann.

Die Myrrhe gehört seit Jahrtausenden zu den wichtigsten und vielseitigsten Duft- und Räucherpflanzen. Bis heute wird sie immer noch so verwendet, wie die antiken Kulturen es taten, und an ihrer Popularität hat sich ebenso nichts geändert.

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Alraunelinie

Quellen

Internet

Gabriela Stark
Myrrhe - Ätherisches Öl und Anwendung

Literatur

D. Marinetz, K. Lohs, K. Janzen - Weihrauch und Myrrhe
Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 236 Seiten
ISBN 978-3804710191

Pflanzentipp

Myrrhepflanzen gibt es bei
www.kraeuter-und-duftpflanzen.de