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Der Paradiesgarten

von Gabriela Stark

mit freundlicher Genehmigung des Mittelaltermagazins Miroque

 

Es war ein weiter Weg von der Landwirtschaft der Bauern zu den Paradiesgärten des Adels und des Klerus im frühen Mittelalter. Denn die ersten Gärten waren rein von Nutzpflanzen geprägt, ob an Burg- oder in Klostermauern. Die Pflanzen galten ausschließlich der existenziellen Versorgung der Menschen mit Nahrungs- und Arzneimitteln. Von den heutigen Gärten mit ihren blühenden Pflanzen und grünen Sträuchern, die allein der Augenfreude, Zierde und Erholung dienen, war noch keine Spur zu sehen. Allein der Nutzwert bestimmte die Pflanzenauswahl.

Erst im 9. Jahrhundert gab es zwei unglaubliche Erneuerungen, die den Grundstein der Gartenkunst legten. Die Idee der Gartenform entstammte dem Grundriss des Klosterplanes von St. Gallen (820 n. Chr.), der eine Parzellenform mit Wegen zwischen den Pflanzen aufwies, der über die nächsten Jahrhunderte immer wieder verfeinert wurde und in vielen Schlossgärten mit ihren geometrischen Formen, Laubengänge und Lustgärten zur vollen Entfaltung kam, während die Idee der ersten Pflanzen, die nur aus Ziergründen in einen Klostergarten gepflanzt wurden, von dem Abt. Walafried Strabo (808 - 849) des Klosters Bad Reichenau zeitgleich realisiert wurde.

Strabos erste Gartenkunstpflanze war die Madonnenlilie (Lilium candidum L.). Ihre Blüten sind schneeweiß, und darauf bezieht sich auch ihr botanischer Name “candidum”, der weiß, rein und unschuldig bedeutet. Sie wird bis zu zwei Meter hoch und war bereits im antiken Griechenland und Ägypten eine hochverehrte Pflanze. Die Lilie wurde zum Symbol der Jungfräulichkeit und Unberührtheit der Maria. In vielen Altarbildern und Madonnenbildern der mittelalterlichen Maler wird Maria mit weißen Lilien abgebildet. Sie ist die Blume, mit der Erzengel Gabriel Maria verkündete, schwanger zu sein. Für Walafried Strabo war die Lilie eine Pflanze mit tiefer spiritueller Bedeutung. Ihre Schönheit und ihr wundervoller Duft hatten für ihn geistige Heilkraft.

Der Grüngarten

Im 13. Jahrhundert fand dann eine weitere Gartenrevolution statt. Es war der berühmte Theologe Albertus Magnus (1193 - 1280, er unterrichtete Thomas von Aquin), der den ersten Ziergarten als “Viridarium” - Grüngarten - realisierte. Dieser Garten hatte nur einen einzigen Zweck: dem Auge des Betrachters Vergnügen zu bereiten. Er sollte dem Besucher Freude, Ruhe, Erholung, Meditation und Gesundung bringen. Die Idee des Ziergartens entwickelte sich zu der Zeit, als auch das höfische Leben Einzug hielt. Die Burgen wurden größer und komfortabler gestaltet, Ritterturniere zur Unterhaltung wurden abgehalten, und der Adel investierte großzügig in Architektur, Kunst, Musik und Dichtung.

Albertus Magnus’ Viridarium war ein Hort der Versenkung - entweder zum Innehalten und Meditieren, oder er diente der Minne, dem Liebeswerben und der Unterhaltung einer schönen Frau. Dieser erste Garten befand sich meist innerhalb einer umschlossenen Mauer, er besaß keinen Weg, sondern einen gepflegten Rasen. Darüber hinaus gab es Beete mit blühenden Pflanzen, Bäume, die Schatten spendeten, eine begrünte Bank zum Sitzen und eine Wasserquelle. Erst viel später entstanden aus der Idee des Gartenelementes Wasser, die noch heute bekannten Springbrunnen und Wasserspiele.

Das Grün von Gras

Besonders der Rasen hatte es Albertus Magnus angetan. Für ihn war der Rasen ein grünes Tuch, das die offene Erde bedeckte. Überaus detailliert beschreibt er die Pflege des Rasens, in dem kein Unkraut wachsen sollte und gab entsprechende Pflegetipps für die überaus aufwändige Pflege. Der englische Rasen war geboren, satt grün anzuschauen und kurz geschnitten. Durch ständige Bewässerung konnte selbst die Sommerhitze seinem Grün nichts anhaben. Ebenso realisierte Albertus das erste Gartenmöbel infolge einer Rasenbank. Magnus schrieb in seinen Büchern “De vegetabilius” von einem erhöhten Rasenstück, das als Sitzbank fungierte. Eine solche Rasenbank war nichts anderes als ein mit niedrig wachsenden Pflanzen bepflanztes Hochbeet, gestützt von einem Holzgerüst. Die Rasenbank wurde erst im 16. Jahrhundert durch Gartenmöbel aus Holz oder Stein abgelöst.

Die Farben und der Duft der Pflanzen

Die Duftpflanzen, die Albertus Magnus inspirierten, waren nicht nur das Veilchen, die Rose oder die Madonnenlilie. In seinem Garten gab es den Goldlack (Erysium cheiri) und den Goldregen (Arbor trifolius), die Albertus Magnus als erster mittelalterlicher Autor beschreibt. Ihr honigsüßer Duft berauschte ebenso wie der Duft der Akelei (Aquilegia vulgaris). Dabei stand bei der Akelei die wundervolle Farbe Blau im Vordergrund, da für Albertus Magnus nicht nur der Duft, sondern auch die Farbe eine Rolle in der Gartengestaltung spielte. Die Farbe Grün war eine der beliebtesten Farben dieser Zeitepoche, neben Blau und Gold. Bei der Farbgebung spielten nicht die Formen und Farben der Blüten eine Rolle, sondern das Grün des Blattwerkes.

Das Viridarium war der erste geschichtliche überlieferte Garten in unserem Kulturkreis, der nicht auf den reinen Nutzwert von Pflanzen ausgelegt war. Albertus Magnus hatte den Paradiesgarten erschaffen, der den himmlischen Garten Eden erlebbar machte. Der Paradiesgarten wurde zu einem der beliebtesten Bildmotive der christlichen und höfischen Malerei des Mittelalters und der Marienverehrung. Er war der Zaubergarten in der Literatur. Bei großen Festen wurden nun ebenso die Gäste im Garten bewirtet. Der Legende nach bekam König Wilhelm von Holland im Winter 1249 in Köln von Albertus Magnus ein magisches Gastmahl in seinem Grüngarten am Dreikönigstag geschenkt.

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Alraunelinie

Quellen

Literatur

Stephanie Hauschild
Die sinnlichen Gärten des Albertus Magnus

Thorbecke Verlag
ISBN 3-7995-3518-7

Simone Widauer
Marienpflanzen

AT Verlag
ISBN 978-3-03800-411-0