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Die Rose von Jericho

Die mystische Pflanze der Kreuzritter

von Gabriela Stark

mit freundlicher Genehmigung des Mittelaltermagazins Miroque

 

Eine der seltsamsten Pflanzen dieser Welt ist die Rose  von Jericho. Sie ist klein, kugelig, strohig und vertrocknet. Kein  Funken Leben mehr scheint dieser Pflanze innezuwohnen. Ihre Wurzeln sind nur ganz schwach mit dem Boden verbunden, und wenn der Wind an der  Pflanze zerrt, reißt er sie los und fegt sie über den Wüstensand wie  einen kleinen Ball. Doch wenn sie mit Wasser in Berührung kommt, tritt  sie aus dem Schattenreich des Todes und erblüht zum Leben. Ihre Zweige  öffnen sich, werden saftig und ergrünen in einem satten Dunkelgrün.

“Auferstehungspflanze” nannten die Kreuzritter und  mittelalterlichen Pilger diese Pflanze. Der Blühvorgang erinnerte sie an das Sterben Christi am Kreuz und dessen Auferstehung in den Himmel. Sie mussten staunend vor dieser Pflanze gestanden haben; und es war für sie ein göttliches Wunder, was sich vor ihren Augen vollzog.

Erklären konnten sich die mittelalterlichen Menschen  diesen Vorgang nicht. Wissenschaftliche Methoden zur Untersuchung von  Pflanzen, moderne Geräte und biochemische Zusammensetzungen waren in  diesen Zeiten unbekannt.

Die Rose von Jericho als Reliquie und Souvenier

Es ist kein Wunder, dass die Kreuzritter diese Pflanze  als besonderen Schatz aus dem gelobten Land mit nach Hause brachten. Sie wurde in eigens kunstvoll angefertigten Kästchen aufbewahrt. Was wir  heute für wenige Euro auf einem Mittelaltermarkt erstehen, war in den  Kreuzzugszeiten wertvoller als Gold. Die Rose von Jericho avancierte  sogar zu einer begehrten Reliquie und gehörte zu den Dom- und  Kirchenschätzen neben anderen Kostbarkeiten und verehrungswürdigen  heiligen Gegenständen. Wie andere heilige Reliquien wurde auch sie den  Gläubigen gezeigt und rituell zum Leben erweckt.

Sie gehörte zu den begehrten Souvenirs für jeden  mittelalterlichen Pilger und Kreuzritter, die das gelobte Land auch  tatsächlich besuchten. Zur Zeit der Kreuzzüge war die Rose von Jericho  keine Handelsware, die auf europäischen Märkten angeboten wurde. Wer  kein Geld für eine Rose von Jericho hatte, nahm einfach nur Wasser aus  dem Jordan mit nach Hause. So ist nicht verwunderlich, dass die Rose von Jericho von Generation zu Generation vererbt wurde. Etwas so  Einzigartiges und Seltenes hat natürlich ebenso einen hohen Symbolgehalt als Glücks-, Reichtums- und Lebenssymbol. So beschrieb man sie als eine Pflanze, die Unheil bannen konnte, vor Krankheiten schützte und ewiges  Leben versprach.

Wie kam sie zu den Pilgern?

Wie die Rose von Jericho zu den Pilgern kam, erfahren  wir in dem “Reisehandbuch ins heilige Land” des Ludolf von Suchen, der  1336 - 1341 das gelobte Land besuchte. Aus seinem Bericht erfahren wir,  dass sie von Beduinen gesammelt und an Pilger verkauft wurde. Er  berichtet über die Gefahren der Wüste, von der Unbequemlichkeit, der  Wärme, dem Sand und den vielen Gefahren wie giftigen Schlangen, Löwen  und Drachen, die die Wüste bevölkerten. Mit diesen Geschichten wurden  alle Fremden davon abgehalten, die Wüste zu erforschen und die wahren  Schätze des Landes zu entdecken. Ebenso berichtet er über die heilige  Geschichte von Maria, die mit ihrem Kind Jesus von Jerusalem nach  Ägypten floh. Unter der Last und der Anstrengung soll die Rose von  Jericho aus den Fußspuren Mariens entstanden sein.

Ihre ägyptische Geschichte

Und so führt uns die Geschichte der Rose von Jericho  nach Ägypten. Denn dort ist sie bekannt unter dem Namen “Kaff maryam”€,  was “Hand der Maria”€ bedeutet und nach der Islamisierung der koptischen  Ägypter wurde sie in “Id fatma bint e nabi”€ - “Hand der Fatima”€  umbenannt. Ihrer ethnobotanischen Geschichte kam Renate Germer,  Ägyptologin und Botanikerin, auf die Spur. Im antiken Ägypten war die  Rose von Jericho eine magische Symbolpflanze für Gebärende. Ihre  Fähigkeit, aus dem Nichts und in ziemlicher Schnelligkeit Leben zu  erzeugen, sollte den Frauen eine schnelle und leichte Geburt  garantieren. Dazu wurde eine Rose von Jericho zum Leben erweckt und der  Gebärenden das Wasser zu trinken gegeben. Bis heute gilt sie als  magisches Mittel für Gebärende bei den ägyptischen Beduinenfrauen.

In Antinoe, einer Ausgrabungsstätte einer antiken  ägyptischen Stadt fand man sogar eine Frauenmumie aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., die eine Rose von Jericho in der Hand hielt. Die Forscherin  geht davon aus, dass die Regenerationsfähigkeit der Rose von Jericho  nach dem Tode mit dem Wiederauferstehungsglauben der Ägypter in  Beziehung stand. Denn den Pflanzen in Grabbeigaben von Pharaonengräbern  hat man bis heute nur wenig Beachtung geschenkt.

Die hier beschriebene Art ist Anastatica hierochuntica, die zur Pflanzenfamilie der Cruciferae - Kreuzblütler gehört. Ihr  Verbreitungsgebiet reicht von Nordafrika bis Vorderasien. Das Besondere  an der Pflanze ist ihre nur einjährige Lebensdauer. In diesem einen Jahr bildet die Pflanze ihre Samen aus. Stirbt sie, bevor ihre Samen einen  fruchtbaren Boden zur Keimung erreicht haben, kann ihr  Wiederbelebungseffekt die Samen so lange schützen.

Der Wiederbelebungseffekt

Dieser Wiederbelebungseffekt lässt sich mit einem  Schwamm vergleichen. Wie der Schwamm das Wasser aufsaugt und prall wird, saugen sich ihre Pflanzenzellen mit Wasser voll. Die Rose von Jericho  ergrünt und breitet ihre Zweige aus. Trotz allem ist kein Leben mehr in  der Pflanze. Es ist ein rein physikalischer Vorgang, den man unbegrenzt  wiederholen kann.

Dieses Phänomen rückt sie heute in den Blickpunkt der  modernen Forschung. Dabei stehen die kosmetischen Begriffe  “Hautalterung”€ und “Feuchtigkeitsanreicherung” € im Vordergrund. Denn die  Pflanze ist ein absoluter Überlebenskünstler in einer feindlichen  Umgebung. Die Rose von Jericho schafft es, in ihrer Lebenszeit mehrere  Monate ohne Wasser auszukommen, und übersteht ebenso ein vollständiges  Austrocknen. Kommt sie wieder mit Wasser in Berührung, bindet sie das  Wasser in ihren lebenden oder toten Zellen und erblüht zum Leben. Diese  Eigenschaften versuchen Forscher der Universität Freiburg zu ergründen,  um die Welt der Kosmetik mit einem neuen Wirkstoff zu bereichern, der  der Haut Feuchtigkeit spendet und bindet.

Ein kleines bißchen Botanik

Die Sorte Anastatica hierochuntica wird seit letztem  Jahr in einem Projekt bei Jericho kultiviert und wahrscheinlich bald  wieder käuflich zu erwerben sein. Denn was wir auf den  Mittelaltermärkten erstehen, ist die Variante der Rose von Jericho aus  der neuen Welt. Sie nennt sich Selaginella lepidophylla und ist ein  Moosfarn. Sie kommt aus den südlichen Gebieten der USA, Mexico und El  Salvador. Da diese Pflanze nicht kultiviert wird, sondern wild gesammelt der Natur entnommen wird, steht sie bereits im Anhang D des  Washingtoner Artenschutzabkommens. Dies bedeutet, dass Lieferungen des  Moosfarns überwacht werden, um rechtzeitig die Pflanze unter Schutz zu  stellen, sollte der Bestand übermäßig abnehmen.

In Mexico ist die Pflanze unter dem Namen Doradilla  bekannt. Das bedeutet übersetzt “die kleine Vergoldete”€. Christian  Rätsch beschreibt sie als eine Pflanze, die die peruanischen Curanderos  und Schamanen als Zauberpflanze bei nächtlichen Ritualen verwendeten. In der mexikanischen Volksmedizin wird sie als Aphrodisiakum und gegen  Impotenz verwendet. Erstmalig wird sie im “Libellus de Medicinalibus  Indorum Herbis”€ des aztekischen Kräuterbuches von Martin de la Cruz als  Mittel gegen Impotenz erwähnt. Er schrieb 1552 sein Wissen über  aztekischen Heilpflanzen nieder. Hier wird sie unter dem Namen  “Texochitl”€ beschrieben und in einem alten Stich abgebildet, wobei ihre  “Auferstehungskräfte”€ symbolisch mit dem Ergrünen und Aufrichten der  Pflanze auf die sexuellen Kräfte übertragen wurden, denn Inhaltsstoffe,  die ein solch wirksames Aphrodisiakum rechtfertigen würden, sind von der Pflanze nicht bekannt.

Was die Rose von Jericho mit der Christrose zu tun hat

Immer wieder findet sich in der Literatur der Hinweis  auf das “Blühwunder” € zu Weihnachten und das Bauernorakel. Doch hier  handelt es sich eben nicht um die Rose von Jericho, sondern um die  Christrose (Helleborus niger). Die Christrose galt schon immer als ein  Symbol des Lebens, da ihre weißen Blütenköpfe den Schnee durchbrechen  und genau um die Weihnachtszeit blühen. Eine solche Pflanze wurde  natürlich mit allerlei Magie umgeben. Das Bauernorakel besagte, das wenn die Blüte zu Weihnachten eintraf, das kommende Jahr fruchtbar sein  würde. Und wenn man die Blüten brach und nach Hause nahm, konnte man  aufgrund der sich öffnenden Blüten das Wetter für das kommende Jahr  vorhersagen.

Wie Sie die Rose von Jericho zum Leben erwecken

Das Wunder und die Faszination, die die Kreuzritter im  Mittelalter erlebten, können Sie auch heute noch bestaunen. Um die Rose  von Jericho zum Erblühen zu bringen, nimmt man die vertrocknete Kugel  und stellt sie in einen Essteller mit wenig Wasser. Zuviel Wasser darf  man ihr nicht zumuten, denn sie schimmelt sehr schnell. Bereits nach  einigen Minuten breitet sie ihre Zweige aus und ergrünt. Bis der ganze  Vorgang abgeschlossen und Sie eine grünende Rose von Jericho vor sich  haben, dauert es allerdings einige Stunden. Sie dürfen die Rose von  Jericho allerdings nur wenige Tage bis max. eine Woche blühen lassen. In dieser Zeit muss man das Wasser jeden Tag erneuern. Und denken Sie  daran, nur wenig Wasser geben! Danach stellt man die Pflanze an einen  trockenen und warmen Ort. Sie schließt ihre Zweige wieder zu einem  kugeligen Ball und trocknet aus. Jetzt benötigt sie eine Ruhepause von  mehreren Wochen. Danach kann sie wieder zum Leben erweckt werden.

Nun können Sie bestimmt den unglaublichen Eindruck  nachvollziehen, den dies auf die ersten Kreuzritter machte. Nach  Strapazen des Reisens und des Kampfes war es ein unerklärbares und  magisches Wunder, das mit nichts zu vergleichen war.

 

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Alraunelinie

Quellen

Literatur

Christian Rätsch - Weihnachtsbaum und Blütenwunder
AT-Verlag 2003, 183 S.
ISBN 978-3-855-02802-3, 23,90 EUR

Renate Germer - Die Heilpflanzen der Ägypter
Artemis & Winkler 2002, 184 S.
ISBN 978-3-538-07144-5, 26,90 EUR

Ludolf von Suchen - Reisehandbuch ins heilige Land
BiblioBazaar 2009, 94 S.
ISBN 978-0-559-9178-9, 21,99 EUR