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Tabak - Genuss und Fluch aus der neuen Welt

von Gabriela Stark

mit freundlicher Genehmigung des Mittelaltermagazins Miroque

 

1492 entdeckte Christoph Kolumbus die Neue Welt. Eigentlich dachte er ja, er hätte den Seeweg nach Indien gefunden, bis die Seefahrer erkannten, dass sie unentdecktes Land betraten. Ein Land, wie es zuerst schien, voller aufregender Goldschätze. Getrieben von der Gier nach Gold erforschten die Eroberer das Land und brachten unbekannte Pflanzen nach Europa, die sich als fast so wertvoll wie das Gold erwiesen. Diese Pflanzen wurden zuerst als einzigartige Exoten bestaunt und nach der Entdeckung ihres Nutzens als Luxus-Güter vertrieben. Und durch die lange Zeit der Jahrhunderte bis heute wollen wir auf ihren täglichen Genuss nicht mehr verzichten. Um es auf den Punkt zu bringen: Wäre die Neue Welt nie entdeckt worden, gäbe es keine heiße Schokolade, keinen leckeren Vanillepudding und keine Zigaretten und Zigarren. Denn Kakao, Vanille und Tabak entstammen der Neuen Welt und waren im Mittelalter völlig unbekannt.

Besonders der Tabak setzte sehr schnell zu seinem Siegeszug rund um den Erdball an. Es gibt in der Duftgeschichte keine andere Pflanze, die sich so schnell verbreitete. Denn im Gegensatz zu den wärmeliebenden Kakao- und Vanillepflanzen ließ sich der Tabak auch problemlos im Rest der Welt kultivieren.

Die Verbreitung des Tabaks

1496 wurde erstmals über den Gebrauch und Genuss des Tabaks in der neuen Welt publiziert. Die ersten Tabakblätter erreichten 1519 Spanien. 1560 brachte Jean Nicot, der auch als Namensgeber des botanischen Namens und des Inhaltsstoffes Nikotin gilt, die ersten Tabaksamen nach Frankreich. Dem Tabakanbau in Europa stand somit nichts mehr im Wege. Die erste Tabaksplantage in Deutschland (im pfälzischen Hatzenbühl) ist datiert auf das Jahr 1573.

Um 1600 brachten die Portugiesen den Tabak nach Indien und in die arabischen Länder. Von dort gelangte er nach Afrika, China, Japan und Russland. Währen des Dreißigjährigen Krieges sorgten die Landsknechte für die schnelle Verbreitung des Tabaks in Europa. In der Mitte des 17. Jahrhunderts schien jeder Mensch zu rauchen. Egal, welchen Standes die Menschen angehörten und welche Arbeit sie gerade verrichteten, dabei wurde geraucht. Selbst während der Gottesdienste wurde auf diesen Genuss nicht verzichtet.

Tabaksverbote

Bereits 1575 erließen die katholischen Missionare in ihren heiligen Hallen in Mexico ein Rauchverbot. Um 1620 stand auf den Tabakgenuss in der Türkei die Todesstrafe, ebenso wie in China. Dort erfolgte das Rauchverbot allerdings erst 1638. In Russland wurde 1634 der Tabakkonsum mit drastischen Strafen belegt. Die Bayern folgten mit einem Tabaksverbot um 1652. Und so erging es dem Tabak in den nächsten Jahrhunderten, ein Rauchverbot folgte, ein anderes wurde wieder aufgehoben. Es gibt sogar eine päpstliche Bulle von 1650, in der die Exkommunikation für jeden Gottesdienstbesucher angedroht wird, der im Petersdom Tabak verwendet. Die Idee, den Tabak zu besteuern, kam allerdings erst im 19. Jahrhundert auf.

Die letzten Jahrzehnte waren geprägt von der Individualität des Rauchens, Filme in den 50er oder 60er Jahren kamen kaum ohne die obligatorische Zigarette aus, und in den Wohnungen wurde gequalmt, dass der Nebel in den Stuben hing. Und heute? Heute ist der Tabakkonsum wieder mal verpönt. Sie lesen auf jeder Schachtel der Tabakprodukte: Rauchen schadet der Gesundheit. Dabei galt Tabak immer wieder als hervorragende Medizin. Was ist also dran an dem Phänomen Tabak?

Tabakbontanik

Der Tabak (Nicotiana tabacum L.) gehört zur Pflanzenfamilie der Nachtschattengewächse. Dieser Pflanzenfamilie gehören nicht nur die Hexenpflanzen wie Bilsenkraut, Stechapfel oder Tollkirsche an, sondern auch bekannte Gemüsesorten wie die Tomate oder Aubergine. Aus der Ursprungssorte Nicotiana tabacum wurden die unzähligen Sorten für Zigaretten und Zigarren gezüchtet. Tabak wird seit über 5.000 Jahren in Südamerika kultiviert. Dabei weisen die wilden Tabakarten einen deutlich geringeren Nikotinwert aus als die gezüchteten Sorten. Der Bauerntabak (Nicotiana rustica), der einen recht hohen Nikotingehalt enthält, entstammt einer solchen Züchtung aus präkolumbianischer Zeit.

Der Wirkstoff Nikotin

Sein Hauptinhaltsstoff ist das Nikotin, das auch die Wirkung des Tabaks bestimmt. Dabei kann dieser Inhaltsstoff das Hungergefühl unterdrücken. Viele Forscher vermuten, dass aus diesem Grund der Tabak im Dreißigjährigen Krieg so schnelle Verbreitung fand, da diese Zeit von schlimmen Hungersnöten geprägt war.

Das Nikotin ist ein Wirkstoff, der aufgrund seiner geringen Molekülgröße sehr schnell über das Inhalieren des Rauches vom Körper aufgenommen wird. Er gelangt also zügig in die Blutbahn und über den Riechvorgang aktiviert er unterschiedliche Botenstoffe, so zum Beispiel die Dopaminproduktion. Dopamin ist ein Botenstoff, der mobilisiert, das seelische Gleichgewicht wiederbringt und sanft aus seelischen Tieflagen zieht. Ebenso unterstützt das Nikotin die Aktivierung des Botenstoffes Acethylcholin, der das logische Denken und die Konzentration fördert. Es ist also kein Wunder, dass ein Raucher sich mit der glimmenden Zigarette besser fühlt.

Gewöhnt man sich an die tägliche Nikotinzufuhr, wird daraus schnell eine Sucht. Da das Nikotin vom Körper sehr rasch abgebaut wird, normalisiert sich die Botenstoffproduktion von Dopamin und Acethylcholin. Um diese danach verstärkt anzuregen, benötigt der Geist eine weitere Zufuhr von Nikotin. Raucher haben somit eine erhöhte Botenstoffproduktion, die ständig hoch gehalten werden will. Da sich Raucher an das Nikotin gewöhnen, erhöhte sich im Laufe der Zeit der Zigarettenkonsum.

Langzeitgenuss von Nikotin

Nikotin ist ein Wirkstoff, der in übermäßiger Dosierung für unseren Körper absolut schädlich ist. Bei Langzeitgenuss des Tabaks kann es zu massiven gesundheitlichen Schäden kommen. Die bekanntesten sind wohl Lungenkrebs und das Raucherbein. Beim Raucherbein handelt es sich um eine Arteriosklerose des Beines. Hier werden die Adern der Beine nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt und verursachen beim Gehen starke Schmerzen. Das Raucherbein wird auch Schaufensterkrankheit genannt, da die Erkrankten kaum Gehen können und bei jedem Schaufenster ausruhen. Die Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln sollten Sie also ernst nehmen!

Der Tabakdeva

Für die südamerikanischen Schamanen war und ist Tabak ein mächtiger Pflanzengeist, der initiiert, die Grenzen zur Anderswelt überwinden lässt. Er gilt als starker Verbündeter im Kampf gegen Krankheitsdämonen und bietet Schutz vor Übergriffen aus der Dämonenwelt. Die verbleibende Asche wird anschließend als Dankesopfer an die guten Geister verwendet. Dabei wird der Tabak fast immer mit anderen bewusstseinserweiterenden Pflanzen gemischt. Solche schamanischen Zigaretten gab es in den zwanziger Jahren in deutschen Apotheken zu kaufen. Diese waren das Werk der pharmazeutischen Industrie, die Tabak mit Hanf und Stechapfel vermischte und als probates Mittel bei Asthma anpries.

Heilmittel Tabak

In der Zeit der Landsknechte galt der Tabakgenuss als gutes Mittel bei Zahnschmerzen. Dazu wurde nicht nur der Rauch inhaliert, sondern die Tabakmasse auch auf die schmerzenden Stellen aufgetragen. Die nordamerikanischen Indianer nutzten für Zahnfüllungen durchgekaute Tabakblätter, die sie in die Zahnhöhle hineingaben.

Der Tabak wurde nicht nur geraucht, sondern auch gekaut (Kautabak) oder geschnupft (Schnupftabak). Dabei ist bei beiden Anwendungen der Tabak immer nur ein Bestandteil einer Mischung, die meisten Schnupftabake kommen auch ohne den Tabak aus.

Die nord- und südamerikanischen Indianer vermischten die gekauten Tabakblätter mit Wasser und verwendeten den Brei bei Insektenstichen. Ebenso dienten die großen Tabakblätter als Umschläge bei rheumatischen Beschwerden.

Im 16. und 17. Jahrhundert galt der Tabak in der Alten Welt als Allheilmittel bei Krankheiten aller Art - ob Kopf- oder Zahnschmerzen, Hauterkrankungen, Frostbeulen oder Würmern. Bei Magen-Darm-Erkrankungen wurde er sogar als Klistier verabreicht. Selbst als Heilmittel gegen die Pest wurde er geraucht. Erst im 20. Jahrhundert erkannte man die Schädlichkeit des Tabakkonsums.

In der Homöopathie ist der potenzierte Tabak immer noch ein sehr hilfreiches Mittel bei vielerlei Beschwerden. Verordnet wird er bei Durchblutungsstörungen, Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, und die Globuli gelten als sehr gutes Mittel bei Übelkeit und Seekrankheit. Ebenso gilt er als Notfallmittel bei einem Kreislaufzusammenbruch.

Paracelsus berühmter Ausspruch: “Alle Ding sind Gift und nichts ohne Gift - allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist” trifft ganz besonders auf die Tabakspflanze zu. Christian Rätsch meint zu Recht, dass der Tabak die einzige alte heilige Pflanze ist, die heutzutage überall in der Welt legal erhältlich ist. Leider sieht kaum noch jemand, dass im Tabak tief schamanische Wurzeln stecken.

Wenn Sie also das nächste Mal eine Zigarette oder Zigarre konsumieren, denken Sie daran, dass Sie sich mit dem Spirit einer alten Götterpflanze verbinden, und genießen Sie die Gedanken an altes schamanisches Wissen und die Reise in die Anderswelt. Und nochmals an dieser Stelle: Rauchen schadet der Gesundheit!

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Alraunelinie

Quellen

Literatur

Christian Rätsch
Schamanenpflanze Tabak Band 1 und 2

ISBN 3037881070
Nachtschatten Verlang