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Weihrauch - Der Atem der Göttlichkeit

von Gabriela Stark

mit freundlicher Genehmigung des Mittelaltermagazins Miroque

 

Wohl kein anderer Duft hat so viel Verehrung erfahren wie der göttliche Weihrauch. Fast jeder Mensch im christlichen Kulturkreis hat von den Geschenken der drei Weisen aus dem Morgenland an Jesus Christus gehört: Weihrauch, Myrrhe und Gold. Die Gaben waren nur eines Königs würdig. Weihrauchharz verwies in diesen Zeiten auf die göttliche Herkunt des Beschenkten, Gold war und ist immer noch das kostbarste Edelmetall, und Myrrhe galt als Allheilmittel für Körper, Geist und Seele.

Weihrauch im antiken Ägypten

Der gesamte Mittelmeerraum war verrückt nach Weihrauch. Es wurden komplette Ernten aus Afrika und Arabien nach Ägypten und Rom geliefert. Allerdings gäbe es keinen Weihrauch in der christlichen Religion ohne die Duftkultur der Ägypter. Denn erst in der jahrelangen ägyptischen Gefangenschaft lernten die Juden die Pflanzen, Zeremonien und Bräuche der Ägypter kennen. Die Israeliten hatten wie die Römer auch eine nur sehr spärliche Duftkultur und Pflanzen; Weihrauch oder Myrrhe; waren gänzlich unbekannt. Dies änderte sich für die Israeliten erst mit dem Auszug aus Ägypten im 13. Jahrhundert v. Chr.

Im antiken Ägypten fand der Kult um den Weihrauch bereits seinen ersten Höhepunkt. Denn Weihrauch war in Ägypten der Inbegriff der Göttlichkeit. Sein Duft war identisch mit den Göttern selbst, und über dem aufsteigenden Rauch trat man mit den Göttern direkt in Verbindung. In den Osiris-Mythen begleitete Weihrauchduft das Opfer des Horusauges, so dass es vom Pharao hieß: “Osiris, er (Pharao) bringt dir das Horusauge als Weihrauch und beräuchert dich mit dem, was aus dir hervorgeht.” Dem Sonnengott Ra als Schöpfer der Götter, Menschen und des gesamten Universums opferte man dreimal täglich: Weihrauch bei Sonnenaufgang, Myrrhe im Zenit, und bei Sonnenuntergang wurde die ägyptische Räuchermischung Kyphi verräuchert.

Die Räuchermischung Moses

In der Bibel finden wir im 2. Buch Moses, 30-7 die berühmteste Räuchermischung der Israelis:

“Nimm Dir Spezerei: Balsam, Stakte, Galbanum und reinen Weihrauch, von einem soviel wie vom anderen und mache Räucherwerk daraus, gemengt nach der Kunst des Salbenbereiters, gesalzen, rein zum heiligen Gebrauch.”

Diese Mischung galt den Israeliten als Atem Gottes und Namen ihres Herrn. Ihre Wirkung war phänomenal. Denn das Zusammenspiel dieser Düfte lässt zur Ruhe kommen, erhebt die Seele über das alltägliche Geschehen und fokussiert den Geist auf die wichtigen Dinge. Ebenso hilft sie bei Traumata und seelische und körperliche Verletzungen zu verarbeiten.

Heute können wir einfach je 1 Teil Myrrhe (Stakte), Galbanum und Weihrauch verwenden, um unsere Seele zu erheben. Mit Balsam war in den antiken Zeiten der Balsam von Gilead (Commiphora gileadensis) gemeint. Berühmt waren noch im Mittelalter die Balsamgärten von Kairo, ab dem späten Mittelalter allerdings verliert sich seine Duftspur.

Weihrauch im antiken Griechenland

In der griechischen Duftkultur war der Weihrauch das Maß der Dinge. Von Alexander dem Großen berichtet Plutarch, in seiner Jugend sei er einmal von seinem Erzieher Leonides von Tarent, scharf getadelt worden, da er anlässlich einer Opferfeier zu großzügig mit Weihrauch umgegangen sei. Dies sollte er erst tun, wenn er die Weihrauch produzierenden Länder unterworfen hätte. Nach der Einnahme von Gaza schickte Alexander dem Philosophen 500 Talente Weihrauch und 1.000 Talente Myrrhe. Mit der Bemerkung, dass dieser den Göttern gegenüber nicht mehr so knausern müsse. Ein Talent war die größte Gewichtseinheit in der Antike und entsprach in der griechischen Kultur ca. 37 kg.

Die Duftexzentrik der Römer

Die Duftexzentrik der Römer dagegen stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten. Von Plautus wissen wir, dass im 2. Jahrhundert v. Chr. Weihrauch ein Schattendassein führte, während 100 Jahre später bereits 3.000 Tonnen Weihrauch eingeführt wurde. Plinius überliefert uns, dass die Kosten für jährliche Duftimporte aus Indien und Arabien 100 Millionen Sesterzen überstiegen. Es ist kein Wunder, dass man von “Felix Arabia” sprach - dem glücklichen Arabien.

Die Weihrauchstraße

Der Transport des Harzes erfolgte über die berühmte Weihrauchstraße, einer der ältesten Handelswege der Menschheit. Diese Strecke umfasste mehr als 3.000 km und verband sich mit der über 10.000 km langen Seidenstraße aus China. Es erforderte eine große Logistik in der Versorgung von Mensch und Tier, und so gab es entlang der Strecke unzählige Brunnen, Oasen und Karawansereien, die von den jeweiligen Stämmen betrieben wurden. Diese vermieteten sogar Kamele, stellten Treiber und Wüstenkundige, versorgten die Karawanen mit Lebensmitteln und sorgten mit bewaffneten Eskorten für Schutz. So gab es bereits “Rent a camel” und “bed and breakfast”.

In den antiken Zentren war die genaue geographische Herkunft des Weihrauchs ein großes Geheimnis. Jeder kannte zwar den göttlichen Duft und das Harz, aber die Pflanze selbst und ihr Standort waren unbekannt. So erzählte man sich die phantastischsten Geschichten vom mythischen Vogel Phönix, der in seinen Klauen die Weihrauchbäume  von Ort zu Ort schweben ließ, oder von geflügelten Schlangen, die die Weihrauchbäume bewachten.

Hinter diesen Mysterien verbarg sich eine äußerst geschickte Vernebelungstaktik der Araber, die mit einem einzigartigen System von Monopol, Geheimnis und furchterregenden Geschichten die Neugierigen fernhielten. Der Rest verlor sich in den endlosen Weiten der Wüste.

Etwas Botanik

Die wichtigsten Weihrauchsorten sind Boswellia sacra aus Arabien, Boswellia serrata aus Indien und Boswellia carteri aus Afrika. Weihrauchbäume sind wildwachsend. Bisher verweigert sich Weihrauch hartnäckig jedem Versuch, ihn in Plantagen zu kultivieren. Es gibt weltweit keine einzige Plantage mit Weihrauchbäumen. Das Harz wird wie in den antiken Zeiten wild gesammelt. Gerade beim Weihrauch gibt es sehr große olfactorische Unterschiede, je nach Erntezeitpunkt und Herkunftsland; denn die Weihrauchernte geschieht in mehreren Perioden. Der Baum wird angeschnitten, um die Harzproduktion anzuregen. Dies geschieht zu Beginn der heißesten Jahreszeit im März und April, geerntet wird in verschiedenen Abschnitten über eine Zeitdauer von drei bis vier Monaten. Dabei werden nicht nur kleine Weihrauchklümpchen geerntet, sondern auch Harzbrocken mit mehr als 100 g Gewicht und seltene längliche tropfsteinähnliche Gebilde bis 1 m Länge.

Die medizinische Verwendung von Weihrauch

Das Weihrauchharz kennen wir hauptsächlich als Räucherpflanze. In den antiken Zeiten bis in die Neuzeit hinein wurden Kranke mit seinem Rauch und medizinischen Weihrauchpräparten behandelt. Die Erfahrungsheilkunde weiß, dass Salbenhersteller, Parfumeure und andere, die ständig mit Weihrauch zu tun hatten, in hohem Maße von Krankheiten verschont blieben.

Durch das Verräuchern von Weihrauch in Tempeln und später auch in mittelalterlichen Kirchen schützten sich die Besucher vor Ansteckung untereinander. Denn sein göttlicher Rauch besitzt eine desinfizierende Wirkung. Das kommt daher, dass sich die Terpene im Weihrauchharz durch den Vorgang des Verräucherns in Phenole umwandeln. Phenole sind eine Inhaltsstoffgruppe, die vor allem in ganz starken aromatischen Pflanzen wie z.B. Zimt, Oregano, Thymian und Nelken vorkommt. Keine andere Inhaltsstoffgruppe stimuliert und stärkt unser Immunsystem so stark. Sie  sind ganz stark antiviral, entzündungshemmend und antibakteriell.

In kaum einem altäyptischen medizinischen Rezept kam man ohne Weihrauch aus. Jackie Campell von der University of Manchester hat über 1.000 medizinische Rezepturen aus 4 Papyri analysiert und kommt zu dem Ergebnis, dass rund 64 % der Rezepturen einen therapeutischen Nutzen vergleichbar zu Medikamenten haben, die in den letzten 60 Jahren unserer Zeitrechnung entwickelt wurden.

Bekannt ist heutzutage der indische Weihrauch geworden. Im Ayurveda wird Weihrauch seit über 3.000 Jahren bei entzündlichen und rheumatischen Beschwerden, grippalen Infekten und seelischen Tieflagen verwendet. Die antiken Ägypter verwendeten Weihrauchsalben vor allem bei rheumatischen Beschwerden.

Allerdings gelang erst 1991 der Forschergruppe um Prof. Hermann Ammon von der Universität Tübingen der genaue Nachweis des Wirkprinzips von Weihrauch bei Entzündungen. Gegenstand der aktuellen Forschung ist die Boswelliasäure im Weihrauch. Die Leukotriene sind mitverantwortlich für die entzündlichen Prozesse im Körper, sei es bei Erkältungen, für die Entzündung der Bronchien oder Lunge oder die Entzündung der Gelenke bei Rheuma. Unter dem Einfluss der Boswelliasäure bilden sich die Entzündungen zurück.

Weihrauch in der Aromatherapie

In der Aromatherapie und -wellness lässt sich das ätherische Weihrauchöl wie in den antiken Kulturen nutzen. In Massageölen, als Zusatz in Salben oder Badezusätzen lässt sich Weihrauchöl vielseitig einsetzen. Besonders in Erkältungszeiten gehört es zu den hilfreichsten ätherischen Ölen. In Hautpflegemischungen verzögert es die Faltenbildung und gibt der Haut ihre Spannkraft zurück.

Der Schlüssel zur Göttlichkeit

Mit seinem Duft und Rauch ist der Weihrauch immer noch der Schlüssel zur Göttlichkeit. Seine Energie lässt uns mit dem göttlichen Funken in Verbindung treten. Dieser göttliche Funke steht für Inspiration, Schöpferkraft und das Erkennen der verborgenen Zusammenhänge.

Ebenso ist Weihrauch der Duft, mit dem wir Initationen begehen und den mythischen Tod überwinden können. Dieser mythische Tod lebt in uns, wenn wir resigniert sind und aufgegeben haben. Allein den Gedanken: “Da kann man doch nichts machen!” kennen wir alle und er weist darauf hin. Weihrauch hilft hier, mit seinen Kraftreserven in Verbindung zu treten, den Geist über solche Situationen zu erheben und aus dieser Situation herauszutreten und den mythischen Tod zu überwinden. Genau dieser Aspekt wird in den antiken Schriften klar, wenn man die Verbindung von Weihrauch bei seelischen Traumata betrachtet und in den symbolischen Kontext der Bibel stellt.

 

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Alraunelinie

Quellen

Internet

Gabriela Stark - Biblische Düfte

Literatur

Ohloff Günther - Irdische Düfte, himmlische Lust
Birkhäuser Verlag, 312 Seiten
ISBN 978-3764327538

D. Marinetz, K. Lohs, K. Janzen - Weihrauch und Myrrhe
Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 236 Seiten
ISBN 978-3804710191