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Die mittelalterliche Wundversorgung mit Pflanzen

von Gabriela Stark

mit freundlicher Genehmigung des Mittelaltermagazins Miroque

 

In mittelalterlichen Zeiten wurden viele erbitterte Kriege und heroische Schlachten geführt. Die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte hat unzählige Daten aufzubieten, geordnet nach mehr oder weniger wichtigen Ereignissen, die das Geschick von Königen, Fürstentümern und ganzen Herrschaftsgebieten veränderten. Das Spiel um Macht kostete nicht nur viele Leben, sondern erforderte auch die Versorgung von verletzten Kämpfern.

Ebenso konnte die Landbevölkerung nicht einfach mal beim Arzt oder bei der Apotheke vorbeischauen, wenn es kleinere oder größere Verletzungen gab. Denn Ärzte waren rar, und medizinisch ausgebildete Helfer und Apotheken, wie wir sie heute kennen, gab es nicht.

Die Menschen waren auf eine Pflanzenapotheke angewiesen - aus den Gewächsen, die vor der Haustür vorhanden und greifbar waren. Ebenso waren sie angewiesen auf die Menschen aus ihren Gemeinschaften, die dieses Pflanzenwissen von Generation zu Generation weitergaben, um zu helfen. Denn gerade in abgeschiedenen Dorfgemeinschaften gab es keine Badstube.

Die Zunft der Wundärzte

Die Zunft der eigentlichen Wundärzte entstand im 12. Jahrhundert in den Badestuben bei den Badern und Barbieren. Vielleicht aus der Behandlung von Schnittwunden einer leichten Rasur heraus entstand ein neuer Berufszweig, der sich der Wundversorgung annahm. Aus den Badern und Barbieren erwuchsen die späteren Scherer, Feldscher, Wundärzte und Chirurgen. Ihr Ansehen litt jedoch darunter, dass viele, die den Beruf ausübten, keine Ahnung von ihrem Gewerbe hatten. Erst im 18. Jahrhundert gab es strenge Gesellenprüfungen und Regeln für angehende Wundärzte.

In den Chroniken der mittelalterlichen Schlachten werden sie zwar kaum erwähnt, aber es gab sie - die sogenannten Feldscher (Feldärzte), die die erste Versorgung der verletzten Kämpfer übernahmen. Sie besaßen bereits ein Instrumentarium an verschiedenen Werkzeugen (wie das berüchtigte Brenneisen, mit dem Wunden ausgebrannt wurden). Heute wissen wir, dass die wenigsten Kämpfer ihr Leben auf dem Schlachtfeld ließen. Viele von ihnen hätten - nach heutigen Maßstäben - auch ihre Verwundung überlebt. Schuld an ihrem Tod waren die katastrophalen hygienischen Umstände, die schwere Wundinfektionen begünstigten, an denen die Verletzten schließlich starben.

Ebenso ist es ein Irrglaube, dass der Feldscher nur Wunden ausbrannte oder Körperteile amputierte. Viele von ihnen hatten auch ein entsprechendes Wissen über die Pflanzen, die die Wundversorgung und -heilung begünstigten. Guido Majno, Professor der Universität Massachusetts in USA, beschäftigte sich eingehend mit überlieferten antiken und mittelalterlichen Wundheilmitteln und konnte deren Wirksamkeit bestätigen.

Das Johanniskraut

Das heutige Wissen über die Wundversorgung mit Pflanzen verdanken wir vor allem Paracelsus, der eine Zeit lang selbst als Feldarzt arbeitete. Aus dieser Arbeitsperiode heraus stammen die meisten seiner Wundpflaster und Tränke.

Zum Johanniskraut schrieb Paracelsus: “Kein Kraut ist in allen Ländern zu finden, das in Heilung der Wunden, Quetschungen, Verrenkungen, alten faulen Schäden diesem bekomme.” Ausgerechnet das Johanniskraut (Hypericon perforatum), das wir heute hauptsächlich als Mittel gegen Depression und seelische Tieflagen kennen, war das grundsätzliche Mittel der Wahl bei Paracelsus.

Herstellung des Johanniskrautöles

Verwendet wird das Mazerat, also der Ölauszug der Blüten. Johanneskrautöl kann man ganz einfach selbst herstellen: Das Johanneskraut wird gesammelt, wenn es in voller Blüte steht. Die Erntezeit ist von Juni bis September. Traditionell wird es zwischen der Sommersonnenwende und dem Johannistag gesammelt, also zwischen dem 21. und dem 24. Juni.

25 g (das ist etwa eine Handvoll) frisch gepflückter Blüten in einen Mörser geben und zerreiben, in ein durchsichtiges Glas füllen und mit 1/2 Liter gutem Olivenöl (oder einem beliebigen anderen Öl) auffüllen.

Dieses Glas stellt man ca. 3 - 4 Wochen auf die sonnigste Fensterbank, die sich finden lässt. Das Öl bekommt in dieser Zeit eine schöne rote Farbe, weswegen man auch vom Rotöl spricht. Anschließend in eine Braunglasflasche abfiltern und etikettieren. Ein solches selbstgemachtes Mazerat ist ca. ein Jahr haltbar.

So wirkt es

Johanniskrautöl wirkt entzündungshemmend, antibakteriell, antiviral und antimykotisch. Es fördert die Wundheilung, lässt Wunden schneller schließen und kann Narben verhindern. Ganz besondere Bedeutung hat seine schmerzlindernde Wirkung, die vor allem bei Nervenschmerzen hilft (besonders bei der äußerst schmerzhaften Trigeminusneuralgie) und bei Verletzungen in nervenreichem Gewebe.

Da in mittelalterlichen Zeiten oft Arme oder Beine amputiert wurden, wissen wir heute, dass das Johanniskrautöl nicht nur die verbliebenen Stümpfe schneller zusammen heilen ließ, sondern, dass das Johanniskrautöl auch bei Phantomschmerz half.

In der Pflege wird es heute vorbeugend bei Dekubitus (also dem Wundliegen betttägriger Menschen) verwendet. Besondere Bedeutung hat das Johanniskrautöl in der Behandlung von Verbrennungen. Es ist eines der besten Mittel bei Sonnenbrand. Hier darf man auf den Grundsatz zurückgreifen, Gleiches mit Gleichem zu heilen. Denn Johanniskrautöl aufzutragen, macht die Haut lichtempfindlicher. Das bedeutet wiederrum Sonnenbrandgefahr. Deswegen als Hinweis für die heißen Sommermonate: Das Johanniskrautöl nur abends auftragen (oder eben nicht mehr in die Sonne gehen).

Der Breit- und Spitzwegerich

Ein weiteres Pflänzchen, das Paracelsus bevorzugt bei entzündeten, eitrigen und infektiösen Wunden einsetzte, findet sich damals wie heute überall. Selbst in Großstädten hat sich diese Pflanze ein Stück Erde zurückerobert. Es ist der Wegerich, davon gleich die beiden Sorten Breitwegerich (Plantago major) und der Spitzwegerich (Plantago lanceolata). Die beiden gehören zu den Pflanzen, die sofort einsatzbereit sind und eigentlich überall dort wachsen, wo sie gebraucht werden, nämlich am Wegesrand. Sie waren auch in mittelalterlichen Zeiten jederzeit verfügbar, wenn gerade etwas passiert war und Verletzungen und Wunden erstversorgt werden mussten.

Dazu werden die frischen und abgezupften Wegerichblätter einfach in der Hand zerquetscht, als Wundauflage aufgelegt und der Saft direkt in die Wunde geträufelt. Dies desinfiziert die Wunde, stillt die Blutung, ist keimtötend, entzündungshemmend und beschleunigt die Wundheilung. Ebenso kann der Wegerich als Schuheinlage bei wunden Füßen und beginnenden Blasen dienen. Das drückt auch sein botanischer Name aus: Plantago kommt von planta - der Fußsohle.

Selbst die antiken Ärzte wie Dioskurides empfahlen ihn zur Erstversorgung bei Tierbissen, Brandwunden und Blutflüssen. Kräuterpfarrer Johann Künzle schrieb zum Wegerich: “Ein solcher Verband ist der erste, aber manchmal auch der beste Notverband, denn die Heilung solcher Wunden geht rasch vor sich. Wie mit Goldfäden näht der Wegerichsaft den klaffenden Riss zu, und wie an Gold sich nie Rost ansetzt, so flieht dem Wegerich Fäulnis und faules Fleisch.”

Der Beinwell

Ein weiteres Thema im Mittelalter waren stumpfe Verletzungen. Hier galt es, keine offenen und blutenden Wunden zu behandeln, sondern Verstauchungen, Blutergüsse, Quetschungen, Prellungen und auch Frakturen (Knochenbrüche). Eine der ältesten verwendeten Pflanzen ist der Beinwell (Symphytum officinale). Allein sein Name drückt seine Heilweise bereits aus: Das Wort “Bein” bezeichnet Gebeine und Knochen und “well” kommt von wallen - also zusammenwachsen. Wallwurz, Beinheil oder Beinbrechwurz sind volkstümliche Namen für den Knochenheiler unter den Pflanzen.

Der Beinwell kommt heute wieder in vielen modernen Salbenpräparaten in der Sportmedizin und bei Gelenkbeschwerden zum Einsatz. In mittelalterlichen Zeiten wurde die frische und zerkleinerte Wurzel zu einem Brei verarbeitet, der mit Umschlägen auf die verletzte Stelle aufgetragen wurde. Wolf-Dieter Storl berichtet in seinem Buch “Mit Pflanzen verbunden” von seinem Schulterbruch, den er mit Beinwell auf mittelalterliche Art behandelte.

Die besondere Fähigkeit des Beinwells ist es, die Kallusbildung anzuregen. Mit Kallus bezeichnet man das Knochengewebe, das zwischen den beiden Bruchstücken entsteht und die beiden Stücke wieder zusammenwachsen lässt.

Wenn wir also moderne Arzneimittel und Heilmethoden betrachten, dann waren manche mittelalterlichen Praktiken gar nicht so altbacken, wie man sie heutzutage gerne abtut. Vieles von dem alten Wissen entdeckt die Pharmaindustrie neu. Mit heutiger wissenschatlicher Analyse lässt sich erklären, warum die Heilung damals bereits funktionierte. Und das Beste daran: Die Pflanzenheiler wachsen direkt vor unserer Haustür.

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Alraunelinie

Quellen

Internet

Gabriela Stark - Johanniskrautöl und Hautpflege

Literatur

Rippe, Madejesky
Die Kräuterkunde des Paracelsus

AT Verlag
ISBN 3-03800-313-1

Bühring Ursel
Praxis-Lehrbuch der modernen Heilpflanzenkunde

Sonntag Verla
ISBN 3-8304-9097-6